• 7 – 10 April 2022
  • Messegelände Köln

6. September  2021, von Julia Bernert

FIBO-Serie: Women Leadership

Raphaela Susanna Knorr über Persönlichkeitsentwicklung und Aspekte der Vereinbarkeit

Raphaela Susanna Knorr ist Entrepreneurin und Chief Operating Officer der neuen Marke für Active Beauty, Physical Nation. Wir haben mit ihr über Authentizität, Resilienz und Werte gesprochen. Und darüber, was das mit Vereinbarkeit von Beruf und Persönlichkeit zu tun hat. 

Raphaela Susanna Knorr hat ihre Leidenschaft für Sport zum Beruf gemacht und sich als Entrepreneur in der Fitnessbranche eine starke Personal Brand aufgebaut. Als Mitglied der „Women in Fitness Association“ (WIFA) engagiert sie sich für Gleichstellung in der Branche und inspiriert Frauen, Visionen zu entwickeln und ihre Träume zu verwirklichen. So wie sie. Die sportbegeisterte BWLerin ist seit 2019 Chief Operating Officer (COO) der Sportkosmetikmarke Physical Nation und hat als solche einen zweijährigen Entwicklungsprozess von Marke und Produkten hinter sich. Wir haben mit ihr über Authentizität, Resilienz und Werte gesprochen. Und darüber, was das mit Vereinbarkeit von Beruf und Persönlichkeit zu tun hat. 

 

FIBO: Was würde die kleine Susanna heute über den Beruf der großen Susanna sagen? 

Susanna: Tatsächlich bewege ich mich aktuell sehr nah an meinem beruflichen Traum aus Kindertagen. Meine Eltern führten ein eigenes Unternehmen, sodass ich den Gedanken an eine Selbstständigkeit von klein auf im Kopf hatte. Zwar bin ich formell nicht selbstständig, aber in meiner Funktion als COO von Physical Nation fühlt es sich in puncto Verantwortung und Wirksamkeit so an.

Welcher Weg liegt heute hinter Dir?

Susanna: Sport – auch im Wettkampf – war schon immer ein wichtiger Teil meines Lebens. Dennoch habe ich mich, beeinflusst von Stereotypen und Vorbildern meiner damaligen Zeit entschieden, erstmal den klassischen BWL-Weg einzuschlagen, sprich: Studium, Ausland, Unternehmensberatung. So ging es von meiner Heimat Bamberg aus für meinen Master nach San Diego und dann weiter nach London um dort im Consulting- und Private Equity-Bereich zu arbeiten, ehe es mich nach Hamburg zu einer Strategieberatung verschlug. Das waren spannende Herausforderungen. Aber trotz aller Reize dieser ‚Karriere‘ fehlte mir die ‚Health und Fitness‘-Komponente in meinem Businessalltag. Hinzu kam, dass das klassische Angestellt-Sein nicht zu mir passte und ich mich in Richtung Selbstständigkeit umorientiert habe. In dieser Zeit habe ich dann auch meine heutigen Businesspartner kennengelernt.

© Susanna Knorr

Was hat Dich dazu gebracht, in die Selbstständigkeit zu wechseln? Etwa die Vereinbarkeit von Privatleben und der mit Sicherheit zeitintensiven Tätigkeit bei Unternehmensberatungen?

Susanna: Interessante Frage, die einem Mann so wahrscheinlich nicht gestellt würde! Gerade bei Frauen wird Vereinbarkeit immer im Kontext von Job und Familie gedacht. Dabei geht es aus meiner Sicht viel mehr um eine Vereinbarkeit der eigenen Werte und Persönlichkeit mit dem Beruf. Bei Männern und Frauen gleichermaßen. Gibt es hier Diskrepanzen, kommt Unzufriedenheit auf. Dabei kann man sein Leben heutzutage in vielen Aspekten so gestalten, wie es einem guttut. 

Klingt ganz einfach…

Susanna: Ist es aber ganz und gar nicht! Eine Neu- oder Umorientierung kostet sehr viel Arbeit. Es gilt, passende Rahmenbedingungen zu schaffen – wenn das überhaupt möglich ist, und sich selbst zu reflektieren. Ich habe mir beispielsweise alles aufgeschrieben und mich auf Basis meiner Erkenntnisse und Erfahrungen selbst unternehmerisch beraten: Wie soll mein Leben aussehen? Was sind meine Stärken? Werte? Prioritäten? Was sind absolute No Gos? All das tatsächlich aufzuschreiben hat mir unheimlich viel Klarheit gebracht.

Ist Selbstentwicklung also der Schlüssel?

Susanna: Eher ehrliche Selbstreflektion. Und da ich aus einer Beratertätigkeit komme, hatte ich den Anspruch, mich selbst in die richtige Richtung zu coachen. Dafür habe ich mir ganz viele Skills, Strategien und Techniken selbst beigebracht, mir neues Wissen angelesen und die Wochenenden für Schulungen genutzt. Damit habe ich mich aufgrund meiner eigenen Biografie bewusst gegen die Abkürzung an der Hand eines externen Businesscoaches entschieden. Wer einen anderen Background hat oder sich bei der Neu- bzw. Umorientierung unsicher ist, sollte fremde Hilfe in Anspruch nehmen – spätestens dann, wenn er oder sie feststeckt. Ein Blick von außen kann Wunder bewirken!

 

Apropos Außenbild: Als Entrepreneurin hast Du Dir über Instagram und LinkedIn eine Personal Brand aufgebaut. Welchen Social Media-Rat hast Du für Frauen in Spitzenjobs?

Susanna: Unbedingt die Möglichkeiten nutzen! Mut haben und zeigen, was man kann! Ich bin überzeugt, dass gerade Frauen die Chancen von sozialen Netzwerken ergreifen und sich eine Personal Brand aufbauen sollten. Aus meiner Sicht geht es nicht mehr ohne Präsenz in den zielgruppenrelevanten Social Media Channels. Nicht nur des Herausstechens wegen. Vielmehr bieten sich über den Austausch auf den einzelnen Plattformen gehaltvolle Networking-Möglichkeiten, die nicht nur zu Pandemiezeiten hochspannend fürs Business sind.

 

Was sind Deine größten beruflichen Herausforderungen?

Susanna: Priorisieren, Geduld haben, Lernen. Wer eine neue Marke entwickeln und in einem umkämpften Markt etablieren will, muss durchhalten und Ruhe bewahren können.

 

Wie bei einem Marathon?

Susanna: Unbedingt! Ich bin tatsächlich schon den ein oder anderen Marathon gelaufen und ich erinnere mich noch gut daran, wie ich jedes Mal dachte ‚das schaffst Du nie‘ – und dann ging es doch. Dafür musste ich mich aber überhaupt erstmal trauen und loslaufen. Und die Distanz im Training auf einzelne Schritte und Teiletappen herunterbrechen. Die Erfahrung, so tatsächlich ans Ziel zu kommen, habe ich für den Job adaptiert und verinnerlicht: Große, vermeintlich unschaffbare Challenges in kleine, schaffbare Teilziele zerlegen und loslegen, statt sich einschüchtern zu lassen.

 

Kommen wir etwa ohne das aktuell gehypte Modewort „Resilienz“ aus?

Susanna: Rein vom Wort her, vielleicht. Von seiner Bedeutung als Mindset und Ressource, definitiv nicht. Die Fähigkeit, durchzuhalten und Krisen zu bewältigen, ist ein entscheidender und erlernbarer Erfolgsfaktor, nicht nur im Job. Durch die Auswirkungen der Pandemie auf den Alltag hat die Gesellschaft ein neues, vertieftes Verständnis von Resilienz entwickelt. Und wer sich fragt, wie man sich das passende Mindset aneignet: Mir haben Sport und harte Trainings geholfen, resilient zu werden.

 

Und wie sieht es heute aus: Kommst Du in Deiner Position überhaupt noch regelmäßig dazu, Sport zu machen?

Susanna: Aber ja! Wo wir ja vorhin noch über Vereinbarkeit sprachen: Wenn mir Sport wichtig ist und ich täglich trainieren will, schaffe ich es, dies in meinen Alltag zu integrieren. Mein Tag ist beispielsweise so strukturiert, dass ich früh aufstehe und dann erstmal eine Stunde Sport mache. Das ist meine Zeit, in der ich etwas Gutes für mich tue und die mir Energie für den Rest des Tages schenkt.

 

Wie sieht denn der Rest eines klassischen Tages bei Dir aus?

Susanna: Nach dem Sport geht es für mich ins Büro. Da steht immer als erstes unser Team Call an, bei dem wir uns gegenseitig auf den neusten Stand setzen. Danach checke ich meine Mails, beantworte aber immer nur die wichtigsten sofort. Der Rest wird nachmittags abgearbeitet, wenn mein Kerngeschäft als COO durch ist. Den Nachmittag nutze ich übrigens auch gern für Strategieentwicklung, so wie ich Lunch und Abendessen für Online-Fortbildungen nutze. Wer nun die Hände über den Kopf zusammenschlägt: Ja, ich bin ein Job-Addict! You got me! Aber bei mir verschmelzen berufliche und private Interessen total. Und meine Pause gönne ich mir ebenfalls nachmittags bei ausgedehnteren Spaziergängen an der Alster oder bei einem Kaffee.

 

Was hilft Dir, Dich nicht zu verzetteln?

Susanna: Zettel spielen bei meiner persönlichen Organisation witziger Weise die zentrale Rolle. Ich bin ein absoluter To Do-Listen-Nerd. Für jeden Bereich habe ich eine Hotlist, die ich jeweils täglich am Vorabend nach Prioritäten aufsetze. Inzwischen habe ich mir ein eigenes System angeeignet, das mir hilft, den Überblick über alle relevanten, auch operativen Bereiche zu behalten ohne Zeit zu verschenken.

 

Wie müssen wir uns Susanna als ‚Boss‘ vorstellen?

Susanna: Puh, die Girlboss-Kultur ist nicht meins und entsprechend sehe ich mich so auch überhaupt nicht. Im Gegenteil, was meine Position angeht, bin ich Ego-befreit. Wir sind ein Team mit flachen Hierarchien, in dem jede Meinung zählt und wir vom direkten, ehrlichen Feedback der anderen profitieren. Die CEOs und ich als COO verstehen uns als Arrangeure, die alles zusammenbringen und lenken.

 

Was bedeutet für Dich also UnternehmerInnentum – nicht nur, aber auch in der Fitnessbranche?

Susanna: UnternehmerInnentum gibt es für mich nicht. Allein sprachlich unterstreicht der Begriff diskriminierend Unterschiede, was paradoxerweise gar nicht beabsichtigt ist. Als Mitglied der ‚Women in Fitness Association‘ (WIFA) setze ich mich für mehr Support von Frauen untereinander ein. Da können ‚wir‘ noch viel von den Männern lernen. Denn noch ist die Gleichstellung in unserer Branche am Anfang.

 

Hattest Du auf Deinem Karriereweg mit Klischees zu kämpfen?

Susanna: Im Fitnesssektor weniger. Aber in der Unternehmensberatung wurden Erfolge von Frauen eher mal als Zufallstreffer bewertet und entsprechend weniger ernst genommen. Auch die Gehälter von Frauen unterscheiden sich von denen der männlichen Kollegen. Und das akzeptieren leider immer noch zu viele Frauen. 

 

Welche Tipps hast Du für ambitionierte Jobeinsteigerinnen?

Susanna: Wenn es einen Gamechanger in meiner Karriere gab, dann wohl der direkte Austausch mit anderen Menschen. Das hat für mich alles verändert. Ab dem Moment, in dem meine Idee nicht mehr nur still in meinem Kopf schwirrte, sondern laut ausgesprochen wurde, passierte ganz viel. Nicht nur das Anhören einer anderen Meinung oder das Profitieren von Ratschlägen half enorm. Ich war plötzlich auch im Kopf anderer, die für mich die Augen mit aufgehalten haben und die bei passenden Gelegenheiten an mich und meinen Plan gedacht haben. Ich habe unheimlich viel Hilfsbereitschaft erfahren, was ich natürlich auch gerne weitergebe. So möchte ich Frauen Mut machen, dass sie alles schaffen können! Vorausgesetzt, sie trauen sich, ihr Ziel zu definieren. Ohne geht es nicht. Steht das Ziel, kommen der Drive und das ‚Why‘ – also der Sinn des Ganzen. Dann braucht es ‚nur‘ noch die Courage, loszulaufen und darauf zu vertrauen, dass an kniffeligen Wegstrecken Hilfe wartet. Vorausgesetzt, man fragt danach und nimmt sie an.

Danke für das Gespräch!

Netzwerk für Frauen in der Fitnessbranche

Die WIFA ist ein Netzwerk, das Frauen aus der Fitness Branche zusammenbringt, um sich gegenseitig zu inspirieren, Synergien zu schaffen und wertvolle Beziehungen aufzubauen. Eine WIFA Mitgliedschaft gibt dir die Möglichkeit, mit einflussreichen und ambitionierten Frauen aus der ganzen Welt in Kontakt zu treten, von ihnen zu Lernen aber auch dein Wissen und deine Erfahrung mit dem Netzwerk zu teilen. Mehr Infos gibt es hier: www.wifa.org/wifade