• 7 – 10 April 2022
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3. September 2021, von body LIFE

Sportlich aktiv sein wirkt wie „Wunderpille“

Für neurologischen Erkrankungen ist die wichtigste Präventionsmaßnahme der Sport. Dr. med. Oliver Wengert, Facharzt für Neurologie, zeigt auf, welch erstaunlich großes Potenzial in der Kombination Sport und Neurologie steckt.

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body LIFE: Bei welchen neurologischen Erkrankungen ist ein gezieltes Training besonders effektiv? Was kann damit erreicht werden?

Dr. Oliver Wengert: Die Wirkung von Sport bei neurologischen Erkrankungen ist erstaunlich. Es konnte festgestellt werden, dass man dank sportlicher Betätigung eine regelrechte „Wunderpille“ im Repertoire hat. Betrachten wir einmal den Bereich der Primärprävention: Unsere Gesellschaft wird immer älter, wir wollen möglichst gesund sterben und die letzten Lebensjahre unabhängig verbringen. Die Selbstständigkeit im Alter kann durch verschiedene Faktoren beeinträchtigt werden, etwa durch Sarkopenie, Gangunsicherheit, Stürze oder die Abnahme der geistigen Leistungsfähigkeit bis hin zur Demenz. Für diese medizinisch-neurologischen Diagnosen kann laut aktuellen Studien das Erkrankungsrisiko durch regelmäßigen Sport halbiert werden. Das bedeutet eine Risikoreduktion um 50 Prozent – es gibt ganz einfach keine Tablette, mit der dies erreicht werden könnte. 

Schauen wir uns das Thema „Sport als Therapie“ an – hier gibt es Studien, die Sport mit Medikamenten vergleichen: Wie entwickelt sich eine Versuchsgruppe nur mit Sport, nur mit Medikamenten oder mit der Kombination aus beidem? Die Beispiele Migräne und Depression haben gezeigt, dass Sport genauso gut hilft wie die tägliche Medikamenteneinnahme. Das ist erstaunlich! Im ärztlichen Alltag sollte die Wahl bestehen, Sport auf Rezept zu verschreiben, statt gleich zu Medikamenten zu greifen.

Was passiert, wenn sich Menschen mit neurologischen Erkrankungen nicht ausreichend bewegen?

Wengert: Studien haben gezeigt, dass sich Menschen mit neurologischen Erkrankungen generell weniger bewegen als gesunde Menschen. Damit fehlt es ihnen an den positiven Auswirkungen der Bewegung. Das Risiko, später an Demenz zu erkranken, einen Schlaganfall zu erleiden usw., steigt. Außerdem fehlt es an Therapieeffekten. Eine Studie zu Schlaganfallpatienten konnte in Bezug auf das Sterberisiko z. B. zeigen, dass Sport sogar besser wirkt als Medikamente. Bei Schlaganfall gehört Sport also definitiv auf das Rezept.

 

Gibt es Erkrankungen, bei denen von Sport abgeraten wird?

Wengert: Heutzutage wissen wir, dass Sport für alle Neuro-Patienten geeignet ist. Die Frage ist eher: Wie lange und wie oft sollten sie sich bewegen? Es gibt für jede neurologische Einschränkung eine geeignete Form der körperlichen Aktivität. Im Alltag haben Betroffene – besonders MS- und Epilepsie-Patienten – das Problem, dass sie sich nicht trauen, Sport zu machen, oder der behandelnde Arzt ihnen davon abrät. Lange Zeit nahmen Ärzte an, Sport verschlechtere die Symptome, was mittlerweile jedoch durch zahlreiche Studien widerlegt ist. Sport hat – im Gegenteil – einen prophylaktischen Effekt.

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Dr. Oliver Wengert

Es muss im Einzelfall geprüft werden, welche Sportart für wen adäquat ist. Betrachten wir das Beispiel Epilepsie: Patienten leben einen normalen Alltag und können auch normal Sport treiben. Bei Anfällen und Bewusstlosigkeit besteht jedoch eine erhöhte Unfall- und Verletzungsgefahr, weshalb etwa Schwimmen und Tauchen ohne Aufsicht ein Risiko darstellt. Auch chronische Schmerzpatienten bewegen sich zu wenig und zeigen aus Angst vor einer Symptomverschlimmerung ein Vermeidungsverhalten. Doch auch hier gilt: Sport ist nicht nur erlaubt, sondern explizit hilfreich.

 

Gibt es Sportarten, die für Patienten nicht geeignet sind?

Wengert: Im Allgemeinen gibt es keine Sportarten, die ungeeignet sind; es kommt immer auf die individuellen Voraussetzungen an. Die Frage wäre: Was macht dem Patienten Spaß, was hat er früher gemacht, was möchte er noch lernen? Wir müssen differenziert betrachten: In welchen Fällen besteht eine Unfallgefahr? Leidet der Patient unter Muskelschwäche, Gleichgewichtsproblemen, Schwindel, verlangsamter Reaktionsgeschwindigkeit? Wie hoch ist das Sturz- und Verletzungsrisiko? Werden etwa nach einem Schlaganfall Blutverdünner oder andere starke Medikamente eingenommen, so ist eine individuelle Risikoberatung notwendig. Ist die Kraft des Patienten stark eingeschränkt, so lässt sich durchaus ein individueller Weg zu einer passenden Sportart finden.

 

Benötigen Trainer eine spezielle Ausbildung, um Neuro-Patienten zu trainieren?

Wengert: Ich denke prinzipiell, dass dieses Thema zu komplex ist, um es als einzelne Person – sei es als Arzt oder Trainer – in Gänze zu überschauen. Der Schlüssel liegt in der interdisziplinären Zusammenarbeit. Es gibt schon Bereiche, wo das sehr gut funktioniert, zum Beispiel in Rehabilitationszentren und Physiotherapieeinrichtungen mit sportorientiertem Schwerpunkt. In den nächsten Jahren werden sich auch die Fitnesscenter mehr und mehr im Gesundheitsbereich orientieren und dazu beitragen, das Risiko für neurodegenerative Erkrankungen zu verringern.

Trainer, die mit Neuro-Patienten arbeiten, benötigen selbstverständlich entsprechende Ausbildungen und krankheitsspezifische Zusatzqualifikationen. Wichtig insgesamt ist die konstante Zusammenarbeit zwischen Trainer, Therapeuten und einem Arzt aus dem Bereich Neurologie und je nachdem auch aus Orthopädie oder Kardiologie. So lassen sich die Möglichkeiten, die der Sport bietet, im Therapiebereich optimal nutzen. Umgekehrt können Trainer auf Basis ärztlicher Untersuchungen einen maßgeschneiderten Trainingsplan erarbeiten.

 

Wie kann eine Kooperation zwischen Fitnessstudio und Arzt aussehen?

Wengert: Die Zukunft des Gesundheitssystems wird sich weg von „find & fix“ bewegen – hin zu „predict & prevent“. D. h., dass Sport eine ungemein zunehmende Rolle spielen wird. Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit bezieht z. B. eine konkrete Zielsetzung mit ein, zu der alle Beteiligten beitragen können, sowie neue Studienergebnisse. Ärztliche Untersuchungen können Defizite aufzeigen, die wiederum dem Physiotherapeuten als Behandlungsbasis und dem Trainer als Grundlage eines passenden Trainingsprogramms dienen. Das Gesundheitssystem weist hier noch Lücken auf. Wir wissen in diese Richtung schon sehr viel – es muss nur umgesetzt werden!

 

Kann für Menschen mit neurologischen Erkrankungen Bewegung auf Rezept verschrieben werden?

Wengert: Dies ist ein sinnvoller nächster Schritt. Wir sollten die Möglichkeiten nutzen, die Sport als „Medikament“ bietet; ein schöner Gedanke für die Zukunft. Wenn man Rezepte nebeneinanderliegen hat, wird man zwangsläufig vergleichen: Braucht man das Medikament wirklich? Will der Patient es nicht erst mal mit Sport versuchen? Nebenwirkungen sind beim Sport sehr viel geringer als bei einer Medikation. Bei vielen Neuroerkrankungen ließen sich neben Sport auch Entspannungsübungen und Mind-Body-Programme wie Tai-Chi und Yoga auf Rezept verschreiben.

In den nächsten Jahren wird meines Erachtens nach auch zu präventiven Zwecken das Ausstellen genauerer Sportrezepte möglich sein – mit der Tendenz, Ausdauer- und Krafttraining zu kombinieren. Patienten können so das Risiko vermindern, Schlaganfälle, Parkinson, Demenz, Hirnblutungen, Stürze, Depressionen, Bluthochdruck, Schlafstörungen etc. zu erleiden. Sport ist eine Maßnahme, um das Leben zu verlängern!

Vielen Dank für das Interview!

 

Das Interview erschien zunächst in der body LIFE.