10. Juni 2022, von Tim Böttner

Die Bedeutung der integralen Körperkarte: körperlich-geistige Zusammenhänge systematisch erkennen

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Gesundheit und Fitness entfalten sich im optimalen Zusammenspiel von Muskeln, Bindegewebe, Knochen, Wirbeln, Organen und Drüsen, aber auch Emotionen, Gefühlen und Gedanken. Diese verschiedenen Aspekte beeinflussen sich gegenseitig und arbeiten in Integration, statt Isolation. Tim Böttner stellt ein integrales Modell vor, um die komplexen Zusammenhänge zu erkennen und zu nutzen.

Schmerzen und Dysfunktionen sind komplex. Wenn ein Klient beispielsweise Schmerzen im unteren Rücken hat, dann kann dies vielfältige Ursachen haben. Nach der „Da-wo-es-wehtut“-Methode liegt die Ursache in den knöchernen, bindegewebigen oder muskulären Strukturen des Rumpfes. Einen Schritt weitergedacht, können die Ursachen aber auch in anderen Strukturen des Körpers liegen wie einer dysfunktionalen Beinachse oder mangelnder Hüftbeweglichkeit. Es kann aber auch sein, dass die Lösung nicht in diesen biomechanischen Aspekten zu finden ist, sondern in der organischen und emotional-mentalen Ebene. Jedem Körperbereich können Organe sowie emotional-mentale Aspekte zugeordnet werden. Dies ist eine ganzheitliche Sichtweise auf den Körper im Einklang mit dem Geist. Ganzheitlich setze ich hier mit „integral“ gleich, was bedeutet, dass isolierte Teile des Körpers in der Realität in ihren Funktionen zusammenarbeiten und sich gegenseitig beeinflussen.

 

Spezialistentum

Unser Wissen über Körper, Geist und Gesundheit hat sich exponentiell weiterentwickelt. Daher ist es inzwischen unmöglich für eine Person, in allen Bereichen ein Experte zu sein. Es hat sich ein Wandel zum Spezialistentum vollzogen. In der Konsequenz werden unsere Körpersysteme häufig isoliert betrachtet und das Bewusstsein über Zusammenhänge geht verloren.

Eine integrale Sichtweise ist nichts neues, sondern etwas uraltes. Verschiedenen Gesundheitslehren aus der ganzen Welt betrachten Körper und Geist selbstverständlich als Einheit. Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) beispielsweise hat sich mehr als 2 000 Jahre lang entwickelt. Hier ist eine Grundannahme, dass sich Emotionen körperlich manifestieren, wie beispielsweise die Wut in der Leber. Ab etwa 500 v. Chr. entwickelte sich das Ayurveda in Indien, das Gesundheit ebenfalls als eine Einheit von Körper, Sinnen, Verstand und Seele begreift. Weitere Beispiele finden wir im Tsalagi-System der nordamerikanischen Cherokee-Indianer oder dem Energiemodell der Inka. Aus Sicht der westlichen Wissenschaft werden diese Gesundheitslehren oft als esoterisch bzw. pseudowissenschaftlich abgestempelt. In den letzten Jahren sehen wir aber immer mehr wissenschaftliche Belege dafür, dass diese Traditionen oft doch richtig liegen.

Beispiel 1: Rumpf

Aus eigener Erfahrung wissen viele Trainierende, dass die Rumpfstabilität bei einem entzündeten Darm beeinträchtigt sein kann. Wir spüren damit direkt einen Zusammenhang zwischen einem Organ und den Muskeln. Mittlerweile weiß man, dass Organe direkte Wechselwirkungen mit Muskeln haben. Jeder Muskel steht über Nervenbahnen mit einem bestimmten Organ in Verbindung. Ist die Funktion dieses Organs gestört, reagiert der verbundene Muskel mit einer Über- oder Unterspannung. So besteht in diesem Beispiel eine Muskel-Organ-Verbindung zwischen dem Dünndarm und Rectus Abdominis, sowie dem Rectus Femoris. Warum ist das Wissen über diesen Zusammenhang so wichtig? Eventuell schwächen Dünndarmprobleme den Rectus Abdominis. Eine Aktivierung des geraden Bauchmuskels lösen vermutlich nicht die Dünndarmprobleme. Erst die Regeneration des Darms wird den Komplex aus Muskel und Organen ganzheitlich heilen. Allerdings sei auch angemerkt, dass eine verbesserte Funktion des geraden Bauchmuskels die Dünndarmfunktion verbessern kann. Die angesprochene Muskel-Organ-Verbindung beruht auf der Innervation von Nerven, die aus einem definierten Wirbelabschnitt austreten. Ist dieser Wirbelabschnitt, im Beispiel des Dünndarms und Rectus Abdominis ist das die untere Brustwirbelsäule, gereizt oder immobil, kann die Organ- oder Muskelfunktion gestört sein. Daher ist es sinnvoll, den korrelierten Wirbelbereich zu untersuchen.

An diesem Beispiel möchte ich die Wechselwirkung zwischen der emotional-mentalen Ebene und Organen aufzeigen. Wir wissen, dass „Stress auf den Magen schlägt“ und dass Magenprobleme schlechte Laune machen. Mittlerweile ist die sogenannte Darm-Hirn-Achse bekannt. Die Wissenschaft hat gezeigt, dass der Darm ein eigenes Nervensystem besitzt: das Enterische Nervensystem. Zwischen Darm und Gehirn werden permanent Informationen ausgetauscht. Ist etwa der Darm aufgrund einer Entzündung gereizt, wird diese Nachricht an das Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet. Das kann zu mentalen und emotionalen Symptomen wie Konzentrationsproblemen und Erschöpfung bis hin zu Depression führen. Ich glaube, dass unsere westliche Wissenschaft in den kommenden Jahren immer mehr Belege für die Konzepte alternativer traditioneller Heilslehren finden wird.

 

Intergration der Systeme 

Im vorangegangenen Beispiel haben wir gesehen, dass Muskeln, Wirbel, Organe und Emotionen im direkten Zusammenhang stehen. Wie schaffen wir es nun, nicht die Übersicht zu verlieren? Paul Chek hat dafür ein hilfreiches Modell entwickelt, in diesem er Zusammenhänge systematisiert. Er teilt den Körper in Zonen ein, wobei jeder Zone spezifische Wirbelabschnitte, Körperbereiche, Muskeln, Organe, Drüsen, Funktionen und emotionale und mentale Themen zugeordnet werden. Ich nenne diese Übersicht die „integrale Körperkarte“.

Beispiel 2:

Obere Brustwirbelsäule

Am Beispiel der oberen Brustwirbelsäule möchte ich die Zusammenhänge vorstellen. Die obere Brustwirbelsäule umfasst den Wirbelbereich T1 bis T5. Die Körperteile in diesem Bereich sind der Oberbauch, der Solarplexus, aber auch Teile der Arme. Symptome in den genannten Körperteilen könnten demzufolge auf Dysfunktionen in den genannten Wirbelsegmenten zurückzuführen sein, da die Körperteile über die Wirbel nerval innerviert werden.

Auf organischer Ebene können Probleme in Herz, Lunge und Thymus sich folglich ebenfalls auf die anderen Systeme in der Zone auswirken. Diese Organe haben Beziehungen zu korrelierten Muskeln über die erwähnten Muskel-Organ-Verbindungen. So ist etwa die Lunge mit dem Deltoideus gekoppelt. Die Organe erfüllen im Körper bestimmte Funktionen. So steht das Herz für die Regulation des Blutdrucks, die Lunge für die Atmung und die Thymusdrüse für das Immunsystem. Hat ein Klient Probleme im Bereich der oberen Brustwirbelsäule, kann es sinnvoll sein, nach Immunerkrankungen, Blutdruckproblemen oder Atembeschwerden zu fragen.

Um noch einen Schritt weiterzugehen, können der oberen Brustwirbelsäule emotionale und mentale Themen zugeordnet werden. Emotionen und mentale Themen wirken sich körperlich aus und manifestieren sich. Diese Idee scheint eventuell weit hergeholt, allerdings sind sie direkt erfahrbar. So hat vermutlich jeder die Erfahrung gemacht, dass sich bei liebevollen und mitfühlenden Gedanken die Brustwirbelsäule aufrichtet, wohingegen sie sich bei dem Gedanken an eine belastete, schwierige Beziehungen einrundet. Die emotional-mentalen Hauptthemen, mit Korrelation zur oberen Brustwirbelsäule, sind Liebe und Beziehungen. Bei Problemen in der oberen Brustwirbelsäule kann deshalb nach Symptomen wie Melancholie, Abhängigkeit, mangelndem Vertrauen, fehlender Selbstliebe und Kontaktschwierigkeiten gesucht werden. Selbstverständlich sollte der Trainer hier Gefühle walten lassen.

 

Ganzheitlich arbeiten

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Wissen über diese ganzheitlichen Zusammenhänge die Arbeit mit unserem Klienten wirksamer machen kann. Ich vergleiche die „integrale Körperkarte“ gerne mit einem prall gefüllten Werkzeugkoffer. Je mehr Werkzeuge wir in unserem Koffer haben, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, das richtige Werkzeug für das Problem zu haben. Haben wir dagegen nur einen Hammer, so ist alles ein Nagel. Selbstverständlich sollten wir als Trainer nicht damit beginnen, parallel als Psychologe, Osteopath oder Viszeraltherapeut unsere Kompetenzen zu überschreiten. Aber eine Sensibilisierung kann helfen, an andere Experten zu verweisen oder dem Klienten wertvolle Impulse zu geben. Eine wertvolle Nachricht für Trainer ist es, dass Bewegung viel mehr bewirkt, als schneller, stärker oder geschmeidiger zu werden. Wir beeinflussen immer den ganzen Menschen.

 

Tim Böttner

Ganzheitlicher Gesundheits- und Fitnesscoach und Personal Trainer. Er teilt sein Wissen im Podcast „Think Flow Grow Cast mit Tim Böttner“, 1:1 Coaching, Workshops und Online-Kursen. www.thinkflowgrow.com

Dieser Artikel erschien zunächst im Trainer-Magazin: trainer-magazine.com