3. Januar 2022, von Starmühler

Food Trends im Fokus

Zukunftsforscher Klaus Kofler von der Future Design Akademie hat sich mit uns über Entwicklungen und Einflüsse unseres Lebensmittelkonsums unterhalten: Ein Gespräch über Trends, Chancen des digitalen Wandels und Auswirkungen der Klimakrise.

FIBO: Wie entstehen Lebensmitteltrends und wie schnell ändern sie sich?

Klaus Kofler: Im Wesentlichen entstehen Trends immer aus zugrundeliegenden Megatrends. Megatrends beschreiben fundamentale Werteverschiebungen bzw. neue Wertemuster in unserer Gesellschaft. Diese Entwicklungen wirken sich auf die unterschiedlichen Milieus und Gruppen unserer Gesellschaft auch unterschiedlich aus. Bspw. bespielen Bioprodukte im Discounter und Bioladen zwar denselben Markt, nicht aber unbedingt dieselben Kunden. Lebensmitteltrends haben in der Regel eine Halbwertszeit von zwei bis drei Jahren, dann werden sie durch neue Entwicklungen ersetzt.

 

Was sind die größten Lebensmitteltrends im Jahr 2022?

Kofler: Wir werden uns zukünftig mit zwei Entwicklungen auseinandersetzen müssen. Auf der einen Seite stehen Werte wie z. B. Nachhaltigkeit, die immer mehr an Bedeutung gewinnen und in einer Welt der Überheblichkeit gefährdet sind. Andererseits wird sich der Konsum, so wie wir ihn heute kennen, ändern. Noch ist er stark davon geprägt, wie Produkte hergestellt werden. Zukünftig wird die Frage der Sinnhaftigkeit, also warum wir etwas kaufen, verstärkt in den Mittelpunkt rücken.

 

Und welche Trends gelten speziell für den Sport- und Fitnessbereich?

Kofler: Die Megatrends Gesundheit, Nachhaltigkeit, Individualität, alternde Gesellschaft sowie Digitalisierung spielen eine immer größere Rolle. In Deutschland sind heute knapp über 50 % der Gesellschaft übergewichtig – Tendenz steigend. Dazu kommt, dass das gefühlte Alter zwölf Jahre jünger ist, als das biologische Alter. D. h. wir werden in einer ganz anderen Art und Weise älter als früher. Somit ist eine Entwicklung hin zu mehr Bewegung und Gesundheit unausweichlich. Bereits jetzt gibt es viele Möglichkeiten, Sport digital zu betreiben. Der Erfolg hängt letztendlich davon ab, wie weit ich dazu bereit bin, mich selbst zu optimieren und gesund leben zu wollen.

 

Hat sich das Verständnis von Lebensmitteln als wesentlicher Bestandteil unserer Gesundheit in den letzten Jahren verändert?

Kofler: Definitiv ja! Wir haben den Bezug zu Lebensmittel größtenteils verloren und diese Entwicklung schreitet weiter massiv voran. Das spiegelt sich z. B. darin wider, dass viele landwirtschaftliche Betriebe zusperren, weil sie nicht mehr in der Lage sind, weiterzuarbeiten. Das ist bedenklich und hat erhebliche Auswirkungen auf die Lebensmittelversorgung. Wir fordern immer mehr ein, werden uns aber unseren Pflichten immer weniger bewusst. Es hat sich zum Teil ein egoistisches Gedankengut entwickelt. Nachhaltiger Konsum könnte hingegen interessante und spannende Entwicklungen vorantreiben.

 

Welchen Einfluss haben die Diskussion und die Berichterstattung über den Klimawandel auf Lebensmitteltrends und den Kauf von Lebensmitteln?

Kofler: Der Einfluss ist ganz massiv. Denn: Je größer die Informationsstreuung, desto größer ist das Bewusstsein in den Köpfen der Menschen. Dies führt in weiterer Folge zu einem bewussteren Kauf von Lebensmittel. Das lässt sich in der Praxis z. B. an der zunehmenden Anzahl von Bio-Lebensmitteln erkennen.

 

Und wie wirkt sich die Digitalisierung aus?

Kofler: Wir können uns der digitalen Welt nicht entziehen. Ohne einer digitalen Anbindung – sei es auch nur durch eine Webseite oder Social-Media-Kanäle – wird es schlicht und einfach nicht mehr funktionieren. Das betrifft z. B. auch ländliche Regionen, wo in Automaten Käse und Milchprodukte verkauft und mit EC-Karte oder Apple Pay bezahlt wird. Es zeichnet sich ab, dass Produkte mit wenig Mehrwert und Emotion – also jene, die z. B. in einem großen Konkurrenzverhältnis stehen und sich hauptsächlich über den Preis definieren, einen größeren und stärkeren digitalen Markt haben. Im Umkehrschluss schafft die analoge Welt starke Emotionen, mit denen sich Produkte abgrenzen und positionieren können.

 

Welche Entwicklungen wird es in Bezug auf vegane Ernährung, z.B. bei Fleischersatzprodukten, geben?   

Kofler: Menschen, die sich bewusster ernähren, greifen auf neue Lebensformen zurück. Diese Entwicklungen werden in Zukunft noch viel stärker zu spüren sein. Aber auch wenn wir Klimawandel, Tierwohl und Nachhaltigkeit ernst nehmen, wird dies eine logische Konsequenz sein, die wir nicht stoppen können. Klar ist, dass dabei das Wissen eine große Rolle spielt. Es geht nicht nur um saubere, ethische Absichten. Wir müssen den gesamten Prozess hinterfragen. Ein Beispiel: Das Bioerbseneiweis, das z. B. in veganen Burgern Verwendung findet, wird zum Großteil in Kanada geerntet, in China verarbeitet und in Österreich als nachhaltiges Produkt verkauft. Nackt betrachtet, ist dies mehr Wahnsinn als Qualität und das Produkt ist alles andere als nachhaltig.