1. August 2021, von Herman Rutgers

Vielfalt, Gleichberechtigung und Inklusion: Warum die Fitnessbranche jetzt aufholen muss

Es gibt noch viel zu tun, wenn es um Diversity in der Fitnessbranche geht. Warum wir auf mehr geschlechtliche und kulturelle Vielfalt setzen sollten, und welche Unternehmen voran gehen. Ein Kommentar von Herman Rutgers. 

Ich habe diesen Artikel kurz nach der Eröffnung der 23. Olympischen Spiele in Tokio geschrieben, und mir ist aufgefallen, dass ein Schwerpunkt auf der Gleichstellung lag. So wurde beispielsweise in vielen Ländern die Flagge von einem männlichen und einem weiblichen Teilnehmer gemeinsam getragen. In einer Zeit, in der es in der Gesellschaft viele Diskussionen über Geschlechterfragen gibt, war es gut, dies zu sehen. Doch wie steht es um den Diskurs speziell in der Fitnessbranche? Wie weit oben steht Diversity hier auf der Agenda? 

 

Vielfalt auf vielen Ebenen 

Wenn wir uns mit der Diversity auseinandersetzen, müssen wir ganz unterschiedliche Aspekte in Betracht ziehen. Es geht um Vielfalt, Gleichberechtigung und Inklusion gleichermaßen, also die Förderung der Repräsentation und Beteiligung verschiedener Gruppen von Individuen, einschließlich Menschen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Rassen und Ethnien, Fähigkeiten und Behinderungen, Geschlechts, Religionen, Kulturen und sexueller Orientierungen.

Da dies auch für unsere Branche ein sehr wichtiger Aspekt ist, hat zum Beispiel EuropeActive die Grundsätze der „DEI“ (Diversity, Equity, Inclusion) in sein Manifest aufgenommen und eine DEI-Beratungsgruppe eingerichtet.

 

Frauen in Führungspositionen 

Wenn über Vielfalt gesprochen wird, konzentriert man sich sehr oft auf das Verhältnis zwischen Männern und Frauen. In der Politik gibt es einige ermutigende Beispiele: Deutschland, Dänemark, Norwegen und Neuseeland haben eine weibliche Kanzlerin/Premierministerin, und die USA sind ein Paradebeispiel für Vielfalt, da sie zum ersten Mal in der Geschichte eine schwarze Amerikanerin als Vizepräsidentin haben. In der Wirtschaft ist dies bis heute noch nicht so weit verbreitet.

In der Fitnessbranche gibt es nur wenige weibliche Führungskräfte unter den Top-Unternehmen in Europa. Die große Mehrheit wird immer noch von Männern geführt. Hier sind die weiblichen Ausnahmen: „Neoness“ in Frankreich (Celine Wisselink und Marie Anne Teissier), „Urban Gym Group“ in den Niederlanden (Marjolein Meijer), „Pure Gym UK“ (Rebecca Passmore, Geschäftsführerin im Vereinigten Königreich), „SATS“ (CFO Cecilie Eide),  „Basic-Fit Frankreich“ (Susanne de Schepper), „Bodystreet Deutschland“ (Emma Lehner) ....und natürlich hat die FIBO einen weiblichen Event Director (Silke Frank).

Dass auf dem Gebiet der Gleichstellung von Frauen noch einiges passieren muss, zeigt immer wieder die WIFA (Women in Fitness Association) auf. Der Organisation vernetzt bereits 700 Frauen aus der Fitnessbranche mit einem Schwerpunkt in den USA. Seit diesem Jahr wächst die Mitgliederzahl nun auch in Europa, unterstützt von vielen Unternehmen und Verbänden wie EuropeActive, der FIBO oder Sport Alliance. Wir können auf die weitere Entwicklung gespannt sein. Denn für die Vielfalt auf allen Ebenen sprechen auch einfach die harten Fakten. 

 

Warum es gut ist, geschlechtliche und kulturelle Vielfalt zu haben

Zunächst einmal sind 50 Prozent unserer Mitglieder und potenziellen Kunden weiblich. Zudem hat ein erheblicher Teil unserer Mitglieder einen anderen, spricht nicht westeuropäischen, kulturellen Hintergrund. Idealerweise sollte die Belegschaft auf allen Ebenen ein Spiegelbild der Kundschaft sein.

McKinsey veröffentlichte im Jahr 2020 eine Studie, in der aufgezeigt wurde, dass Unternehmen mit einem Frauenanteil von mehr als 30 Prozent in der Führungsebene mit größerer Wahrscheinlichkeit besser abschneiden als Unternehmen mit einem geringeren Frauenanteil im Management. Im Falle der ethnischen und kulturellen Vielfalt fand McKinsey ebenso überzeugende Beweise dafür, dass ein ausgewogeneres Managementteam bessere Leistungen erbringt. 

In der europäischen Fitnessbranche sehen wir diese Vielfalt auf höchster Ebene zum Beispiel in Jacob Fatih, dem Gründer der zweitgrößten Fitnesskette in Deutschland FitX und Redouane Zekkri, dem COO der größten europäischen Kette Basic-Fit. 

 

Weichenstellungen seitens der Politik

In Norwegen ist es gesetzlich vorgeschrieben, dass börsennotierte Unternehmen in ihren Aufsichtsräten und Vorständen einen Frauenanteil von mindestens 30 Prozent haben müssen. In den Niederlanden ist dies eine nachdrückliche Empfehlung und könnte im nächsten Jahr ebenfalls gesetzlich vorgeschrieben werden. Es gibt also einige ermutigende Bewegungen seitens der Regierung und der Unternehmen, um die Gleichstellung voranzubringen.

Natürlich kommt es bei der Auswahl einer Person für eine Stelle in erster Linie auf die ihr innewohnende Qualifikation und den nachgewiesenen Erfolg an. Aber wir sehen in einigen Ländern eine Tendenz, bei gleichen Qualitäten eher eine Frau als einen Mann auszuwählen, um das derzeitige Ungleichgewicht zu ändern. Und das ist eine gute Sache!

 

So stehen Unternehmen der Fitnessbranche zu DIE 

  • Basic-Fit ist der größte Fitnessanbieter in Europa. So äußert sich das Unternehmen in seinem Jahresbericht 2020: 

Für Mitarbeiter: "Wir beschäftigen mehr als 5.600 Mitarbeiter in fünf Ländern mit unterschiedlichen Nationalitäten, persönlichen Hintergründen, Geschlechtern, sexuellen Orientierungen oder Religionen. Wir werden Mitarbeiter mit unterschiedlichem Hintergrund, Geschlecht, Alter, Rasse oder sexueller Orientierung einstellen, um eine vielfältige Belegschaft zu schaffen." 

Für das Management: "Einer unserer Schwerpunkte für die kommenden Jahre ist es, einen Frauenanteil von mindestens 30 Prozent in unseren Aufsichtsräten und Vorständen anzustreben. Bereits jetzt sind ein Drittel unserer Vorstandsposten mit Frauen besetzt, und 40 Prozent unserer Geschäftsführer sind Frauen.

Für die Mitglieder: "Wir bei Basic-Fit glauben, dass jeder es verdient, fit zu sein und sich gut zu fühlen. Unabhängig davon, wer Sie sind oder woher Sie kommen, sollte Fitness jederzeit, überall und auf jede Weise möglich sein. Wir sind für alle Menschen und Kulturen da, unabhängig von ihrem Fitnessniveau, ihrer Rasse, ihren Überzeugungen, ihrem Glauben oder ihrem Geschlecht. Bei Basic-Fit zelebrieren wir Unterschiede und setzen uns für Gleichberechtigung ein - von der Vorstandsetage bis hin zu unseren Fitnessstudios. Wir bieten unseren Mitgliedern verschiedene Mitgliedschaften und Optionen: gemischte Clubs, Damenclubs und Express-Clubs. "

 

  • Ein weiteres Beispiel ist Planet Fitness, der größte Fitnessanbieter in den USA:

Der Slogan der Marke lautet "No Judgement Zone", was bedeutet, dass alle Menschen willkommen sind und es keine Diskriminierung geben sollte. Das Unternehmen hat auch eine philanthropische Initiative mit dem Namen "Judgement Free Generation"® (Urteilsfreie Generation) ins Leben gerufen, die darauf abzielt, die Beurteilung und das Mobbing zu bekämpfen, denen die heutige Jugend ausgesetzt ist, indem sie eine Kultur der Freundlichkeit und Ermutigung schafft. Ihr Ziel ist es, eine Generation heranwachsen zu lassen, die zu einer urteilsfreieren Welt beiträgt, einem Ort, an dem sich jeder akzeptiert fühlt und das Gefühl hat, dazuzugehören.

  • Ein weiteres Beispiel ist Equinox, Premium-Brand in den USA und im Vereinigten Königreich: 

Equinox setzt sich stark für die Akzeptanz aller Menschen ein, unabhängig davon, ob sie eine Behinderung oder eine andere sexuelle Identität haben. Sie zeigen dies sowohl in ihrer Werbung als auch in einem Kurzfilm mit dem Titel "LGBTQALPHABET: Sechs Buchstaben sind nie genug", einem Video, das die Definition von "LGBTQA" zu einem vollständigen Alphabet mit 26 verschiedenen Möglichkeiten ausweitet, stolz zu kommunizieren, wer man ist und wie man liebt. Das Werk, das als Fortsetzung der Equinox-Erzählung "Commit to Something" konzipiert ist, erforscht das in der Werbekampagne 2017 angesprochene Thema der Identität weiter und spiegelt die unglaubliche Vielfalt der LGBTQA-Community wider.

 

Diversity: So geht es weiter

Die genannten Unternehmen setzen mit ihren Aussagen und – noch viel wichtiger – konkreten Aktionen wichtige Statements für die Fitnessbranche. Es ist auch gut zu sehen, dass EuropeActive in Zusammenarbeit mit der FIBO einige starke Initiativen ergreift und dass die WIFA vor kurzem eine europäische Abteilung gegründet hat. 

Dennoch haben wir insgesamt noch einen langen Weg vor uns, um uns in diesem Bereich zu verbessern. Dabei bin ich der Überzeugung, dass die Initiativen zur Beseitigung des Ungleichgewichts von den Führungen der Unternehmen und Organisationen ausgehen müssen. 

In dem Bemühen, die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern zu bekämpfen, hat die Europäische Kommission einen ehrgeizigen und fortschrittlichen Plan “Union for Equality” auf den Weg gebracht, der Aktionspläne und Strategien mit einem intersektionellen Blickwinkel umfasst, der sich auf die Gleichstellung der Geschlechter, Antirassismus, Behinderungen und LGBTQ+ konzentriert. Dieses große politische Engagement zielt darauf ab, die Gleichstellung in allen Politikbereichen zu verankern. Aber es ist an jedem einzelnen Unternehmen und jeder Person in der Fitnessbranche diese Werte zu auch zu verankern.