23. Mai 2022, von Starmühler

Körper und Geist – Sport für die mentale Gesundheit

© Pexels Cottonbro

Mai ist Mental Health Awareness Monat. In den USA wird mentale Gesundheit schon lange thematisiert und auch in Europa kommt das Thema langsam an, so auch in der Fitness-Community. Denn zahlreiche Studien zeigen, dass sportliche Aktivitäten Angst oder Panikattacken entgegenwirken können. 

Internationale Athletinnen und Athleten wie Sophia Thiel oder Naomi Osaka brechen Tabus auf und sprechen immer öfter öffentlich über den Druck, den sie im Leistungssport spüren, perfekt sein zu müssen. Das Thema mentale Gesundheit macht auf vielen Ebenen die Runde, tatsächlich kann Sport positiven Einfluss auf die Psyche nehmen und vorbeugend gegen depressive Verstimmungen wirken. 

 

Neurobiologische Mechanismen als Stimmungsaufheller

Seit langem wird in der Neurologie geforscht, um Depressionen zu verstehen. Wie wirken Antidepressiva? Dazu wurde untersucht, wie und warum Depressionen entstehen: Bis in die 1990er Jahre war die sogenannte „Monoamin-Mangel-Hypothese“ vorherrschend. Forscher glaubten, dass bei Depressionen zu wenig Botenstoffe, also Verbindungsglieder zwischen Nervenzellen, im Gehirn vorhanden sind. Heute weiß man dank der Wissenshaft aber, dass unterschiedliche biochemische Prozesse im Körper stattfinden, die zusammen ausschlaggebend für die Stimmung von Personen sind. 

 

Hormone steuern das Gemüt

Im Fokus der aktuellen Forschung ist der Wachstumsfaktor „BDNF – brain-derived neurotrophic factor“. Dieses Eiweiß sorgt dafür, dass sich Nervenzellen miteinander verbinden können und so wachsen. Ist ein Mangel oder auch ein Überschuss dieses Stoffes im Gehirn vorhanden, kann das auf Depressionen, Angststörungen oder andere mentale Krankheiten hinweisen. Mittels Medikamenten kann ein Ungleichgewicht dieses Signalstoffes ausgeglichen werden. Auch sportliche Aktivitäten können die BDNF-Konzentration im Blut einpendeln. Natürlich kann Sport nur in Verbindung mit anderen Maßnahmen, wie einer Gesprächstherapie oder medikamentöser Unterstützung, langfristig etwas zur Besserung der mentalen Gesundheit beitragen. Besonders Ausdauersport wie Laufen, Radfahren, Schwimmen und Wandern können Körper und Geist in Balance bringen. Dafür sorgt die Ausschüttung der Glückshormone Endorphine, Serotonin und Dopamin während des Sports.

 

Ausdauertraining als Alternative zu Medikamenten?

Sport kann bei Depressionen teilweise ebenso hilfreich wie eine medikamentöse Therapie sein, wird im Paper „Körperliche Aktivität und psychische Gesundheit“* beschrieben. Untersucht wird der Zusammenhang von mentaler Gesundheit und Sport. Eine Studie aus den USA wurde dazu herangezogen, an der über 200 depressive Menschen teilnahmen. Sie wurden in vier Gruppen aufgeteilt: Die erste Gruppe hatte regelmäßiges und kontrolliertes Ausdauertraining am Laufband. In der zweiten Gruppe wurde auch auf dem Laufband trainiert, aber ohne Aufsicht. Die dritte Gruppe erhielt ein Antidepressivum und die vierte ein Placebo. Die Ergebnisse waren erstaunlich: In der ersten Gruppe war die Minderung der Depression deutlich spürbar, sogar noch signifikanter als in der medikamentös behandelten Gruppe Drei. In der zweiten Gruppe war ebenfalls eine Minderung der Depressionen spürbar. Am schlechtesten schlug die Placebo-Gruppe an, obwohl sich auch hier die Symptomatik reduzierte.

 

Individualität steht an erster Stelle

Psychische Erkrankungen sind vielseitig und individuell, es ist unmöglich, alle Diagnosen über einen Kamm zu scheren. Für jedes Krankheitsbild bedarf es unterschiedliche Behandlungen und Lösungswege bereit zu stellen. Leider berichten viele Betroffene von Antriebslosigkeit während der depressiven Schübe. Daher gilt es, körperliche Aktivitäten an den Patienten und das Ausmaß seiner Erkrankung anzupassen. Die Ergebnisse der Studie zeigen allerdings auch Folgendes auf: Sport wirkt bei Depressionen definitiv unterstützend, oft kann das jedoch nicht in Anspruch genommen werden.

 

Körper und Geist gehen Hand in Hand

Eine ganzheitliche Betrachtung des Themas ist essenziell. Bei der Beobachtung von Sport und Mental Health müssen viele Faktoren bedacht werden: Die Individualität eines jeden Menschen und jeder Krankheit, die unterschiedlichen Bedürfnisse und Möglichkeiten. So versuchen viele Physiotherapeuten und Fitnesstrainer auch, über die physische Arbeit hinaus ihre Patienten und Kunden mental zu stärken. Wichtig ist hierbei immer, den Klienten ganzheitlich zu betrachten und neben körperlichen auch psychische Eigenschaften zu trainieren. Nur so kann gezielt auf die Psyche von Athleten und Hobby-Sportlern richtig eingegangen und die mentale Gesundheit gestärkt werden.

 

Quellen:

* Schulz, K-H., A. Meyer, and N. Langguth. „Körperliche Aktivität und Psychische Gesundheit." Bundesgesundheitsblatt-Gesundheitsforschung-Gesundheitsschutz 55.1 (2012), in Kooperation mit dem Ambulanzzentrum, dem Fachbereich Sport- und Bewegungsmedizin, dem Institut für Medizinische Psychologie und dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.