• 7 – 10 April 2022
  • Messegelände Köln

10. Januar 2022, von Cornelia Tautenhahn

Best Practice Seniorenfitness: Das sollte man bei Ausstattung und Training beachten

Mit steigendem Alter wird regelmäßiges Training immer wichtiger. Doch was für ein Angebot ist ideal für Senioren und Best Ager? Wie kann man sie erreichen und ganzheitlich betreuen?

Das Wohnstift Beethoven in der Nähe von Bonn ist eine Seniorenresidenz mit Vorbildcharakter in Sachen Fitness und Bewegung. Hier gehen Therapie und Training Hand in Hand. Modernes Equipment und ein zielgruppengerechtes Angebot laden die Senioren zu regelmäßiger körperlicher Aktivität ein. Integriert in das Wohnstift ist das hauseigene Day-Spa, das „Vitalisarium“ mit einem SPA-Bereich mit Saunen, Schwimmbad und Wellnessangeboten, Physiotherapie, Fitness- und Gerätetraining sowie dem Gesundheits- und Präventionssport. 

Das Vitalisarium ist dabei auch Trainierenden außerhalb der Bewohnerschaft offen und wird so wirtschaftlich rentabel. Ein Gespräch über ein Modell mit Zukunftspotenzial.

David Urbach ist Geschäftsführer des Senioren-Wohnstifts Beethoven. Die Physiotherapeutin und Trainerin Kathleen Heinrich ist die Leiterin des Vitalisarium.

Das Vitalisarium im © Senioren-Wohnstift Beethoven

FIBO: Wie sieht Ihr Angebot im Bereich Fitness und Prävention aus?

David Urbach: Unsere Bewohner sind alle über 70 Jahre alt, der Älteste sogar 105. Unser Ziel ist, dass die Menschen so lange selbstständig leben können, wie möglich. Das Vitalisarium hat den großen Vorteil, dass die Bewohner nicht extra irgendwohin fahren müssen, und sie fühlen sich hier wohl, auch im medizinischen Bereich. Sie werden allumfassend betreut, je nach körperlicher Einschränkung. Unser Angebot ist auf die ältere Zielgruppe in vielen Aspekten zugeschnitten, zum Beispiel bei den modernen Geräten, die nicht selber eingestellt werden müssen, oder bei den Kursen für Senioren unterschiedlicher Leistungsstufen. Das jetzige Konzept haben wir so seit 2016.

Kathleen Heinrich: Tatsächlich hat das Vitalisarium unsere Bewohnerschaft sogar deutlich verjüngt. Das Angebot ist so attraktiv, dass der eine oder andere sogar früher hier einzieht. Vorher waren wir nicht auf diese Menschen ausgelegt. Es ist ein schönes Erlebnis, wenn ehemalige externe Patienten und Mitglieder irgendwann hier einziehen.

 

Wieviel Prozent der Bewohner nutzen das Vitalisarium?

Urbach: Alle. Unser Angebot ist so differenziert und breit gefächert, dass wir uns auf alle Altersstufen und Trainingsziele einstellen können. Unsere Bewohner wissen, wie wichtig es ist den eigenen Körper fit zu halten und sehen eben auch die Resultate.   

 

Zudem stellen Sie das Angebot auch externen Kunden zur Verfügung.

Urbach: Genau, das gehört zu unserem Geschäftsmodell. Wir sind für alle Zielgruppen offen und haben eine breite Altersstruktur bei den Mitgliedern, aktuell sind es so rund 50. Zudem kommen auch Tagesgäste und Patienten der Physiotherapie ins Haus.

 

Braucht es für ältere Menschen ein Fitnessstudio, das speziell auf sie zugeschnitten ist?

Urbach: Ein Fitnessstudio, das eher auf die breitere Zielgruppe ausgerichtet ist, erzeugt bei Älteren oft Hemmungen. Diese Kunden kommen dann lieber zu uns. Aber es gibt auch schon Fitnessstudios, die zum Beispiel „Senioren-Vormittage“ anbieten. Es ist hilfreich, wenn man unter sich ist und auf die Bedürfnisse der Senioren eingegangen wird. Auf der anderen Seite trauen sich manche Jüngere nicht zu uns, weil sie denken „das ist ja ein Altenheim“.

Inwieweit arbeiten Fitness und Physiotherapie zusammen?

Heinrich: Die Fachkräfte hier arbeiten alle zusammen. Wir sprechen gemeinsame Empfehlungen aus. So kann es zum Beispiel der Fall sein, dass ein Patient bei uns mit einer verschriebenen manuellen Therapie beginnt und wir ihn begleitend zum Beispiel im Gerätetraining betreuen.  

 

 

Welche Rolle spielen Angebote für externe Kunden, die von den gesetzlichen Krankenkassen gefördert werden? 

Heinrich: Unsere Aquafitness-Präventionskurse nach Paragraf 20 werden stark nachgefragt. Zudem gibt es bei uns Rückenschulen, Nordic Walking oder Zumba als Angebotskurse. Da versuchen wir uns immer wieder was Neues einfallen zu lassen. In dem Bereich haben wir eine hohe Kundenbindung. Wer einmal in einem der Kurse drin ist, geht da eigentlich nie wieder raus, sondern macht immer weiter.  

 

Wie motivieren Sie ansonsten Ihre Mitglieder und Bewohner?

Heinrich: Dabei spielt die InBody Körperanalyse, mit der wir arbeiten, eine große Rolle. So erstellen wir einen maßgeschneiderten Therapieplan. Wir können dann immer wieder schauen, welchen Erfolg das Training hat. So können wir die Trainierenden motivieren und das Training individuell auf sie anpassen. 

 

Welche Sportarten sind für Senioren besonders geeignet?

Heinrich:  Ganz wichtig ist die Sturzprophylaxe. Der Bewohner wird mobiler und kann besser reagieren, falls doch mal ein Sturz passiert. Da legen wir ganz viel Wert drauf. Und die Wassergymnastik ist ein wichtiger Aspekt, weil man sich da ganz anders bewegen kann. Das Wasser gibt Sicherheit. Auch Nordic Walking ist zu empfehlen.

 

Urbach: Auch hier hängt es ganz klar vom Alter ab, ist man 70 oder schon 100 Jahre alt. Der 70Jährige, der hier wohnt, ist topfit und geht zum Beispiel Radfahren oder Joggen. Wir schaffen die Ausdauer, damit die Muskulatur bestehen bleibt. Das geht natürlich sehr schnell verloren, wenn man nicht mehr viel macht. Ein Beispiel: Ein Bewohner war zwei Wochen im Krankenhaus im Bett. Er kommt wieder und die Muskulatur ist quasi nicht mehr vorhanden. Da müssen wir mit Muskelaufbau gegensteuern. So ist man auch im Alter gut aufgestellt und beugt auch zukünftigen Beschwerden wie Rückenschmerzen oder Knieproblemen vor.

 

Welche Bedeutung hat das Krafttraining?

Heinrich:  Unsere Geräte werden sehr gut genutzt von den Senioren. Allerdings empfehle ich beim Krafttraining eher auf die Ausdauer zu trainieren, das ist gezielter für die Muskulatur im Alter. Lieber also mehr Wiederholungen, statt zu hoher Gewichte.

Was wir den Bewohnern auch immer erklären: Es geht nicht nur um die Stärkung der Skelettmuskulatur, sondern auch um das Herz. Das ist ein Muskel, der im Alter trainiert werden muss, damit die Herzfrequenz stabil bleibt, damit der Blutdruck normal ist. Das ist ganz Wichtig, dass der Herzmuskel trainiert wird, sonst können gesundheitliche Probleme im Herzkreislaufsystem vorzeitiger auftreten.

 

Braucht es für die Senioren Geräte mit Gewichten oder reicht das Training mit dem eigenen Körpergewicht?

Heinrich:  Gewichte sind ist ein wesentlicher Bestandteil des Trainings, aber zusätzlich kann man das mit einem Haus-Übungsprogramm ergänzen.

Urbach: Die Gruppen-Gymnastik ist auch eine Alternative. Je nach Leistungslevel gibt es Seniorensport oder nur Sitzgymnastik.   

Heinrich:  Bei den Kursen ist auch der soziale Aspekt sehr wichtig. Generell verbindet der Sport. Wir sehen immer wieder, dass sich kleine Gruppen herausbilden, die immer zusammen trainieren kommen.

 

Inwieweit spielt die Digitalisierung eine Rolle bei Ihnen? Man unterstellt ja immer leicht, dass ältere Menschen mit den modernen Tools nicht zurechtkommen.

Heinrich:  Die Senioren sind fit in Sachen Digitalisierung. Die Meisten haben sowieso ein Tablet, Skypen und so weiter. So kommen sie auch im Fitnessraum gut damit zurecht. Der große Mehrwert neben der automatisierten Einstellung der Geräte ist die Kontrolle durch die Trainer, die die Trainingsfortschritte am PC verfolgen und anpassen können.

Urbach: Die Digitalisierung löst auch einfach ganz viele Probleme. Wir haben eine 95jährige Bewohnerin, die nicht mehr so gut sieht. Sie nutzt nun Alexa und Google. Das erleichtert ungemein das Leben. Für die meisten, die hier einziehen, ist das inzwischen normal.

 

Gibt es Vorerkrankungen, bei denen man tatsächlich eher von Belastungen abrät?

Heinrich:  Bei einer akuten Entzündung raten wir ab, ebenso bei einer hochgradigen Osteoporose und starker Herzinsuffizienz. Alles andere kann man eigentlich individuell einstellen, so dass ein Training immer möglich ist. Die Bewegung muss schmerzfrei gehen und Spaß machen.

 

Wie können Ihrer Meinung nach generell mehr ältere Menschen vom Angebot der Fitnessbranche überzeugt werden?  

Heinrich:  Wir haben, zumindest vor der Pandemie, Gesundheitstage im Vitalisarium durchgeführt. Da können die Gäste unser komplettes Angebot kennen lernen. Dadurch konnten wir immer viele Kunden gewinnen. Ein weiterer wichtiger Kanal sind die Ärzte und Physiotherapeuten, die uns Patienten schicken. Ein kann wesentlicher Aspekt ist die Zusammenarbeit mit Ärzten, Kliniken, Rehakliniken.

Urbach: Bei uns gibt es alles in einem, nicht nur Physiotherapie, auch Fitness. So können wir die Patienten auch nach der Therapie ganzheitlich weiter betreuen. Zudem können wir durch unseren Pool auch sehr gut Rehas umsetzen. Generell muss das Angebot einfach seniorengerecht sein. Die Senioren müssen die Geräte bedienen und einen Mehrwert daraus ziehen können.

 

Was sollte man bei der Ansprache der Senioren beachten?

Urbach: Es gibt immer die Gefahr, dass zum Beispiel der 70jährige sich selbst gar nicht als Senior sieht. „Ich bin ja noch nicht alt“. Da müssen die Fitnessanbieter den Spagat in der Ansprache schaffen. Zum Beispiel könnte „Silver Ager“ dann das bessere Wording sein. Und vielleicht nenne ich die Sturzprophylaxe dann auch nicht Sturzprophylaxe, sondern Rumpftraining.

 

Wenn ein Studiobetreiber sein Angebot für die ältere Zielgruppe verbessern möchte, was sollte er beachten?

Urbach: Wir informieren gerne über unsere Spezialisierung. Was man immer beachten sollte: Das Training muss individuell auf die Senioren ausgerichtet sein. So kann man zum Beispiel im Gruppentraining verschiedene Intensitäten anbieten.  

 

Wie können Trainer ihre älteren Kunden optimal beraten?

Heinrich:  Bei uns sind die Trainer auch alle Physiotherapeuten, die dadurch einen anderen Zugang haben. Zudem arbeiten wir mit Spezialisten wie zum Beispiel einer Rückenschullehrerin. Es ist wichtig, dass man den Gast als Individuum wahrnimmt.  

Frau Heinrich, Herr Urbach, vielen Dank für das Gespräch. 

 

Das Best Practice Wohnstift Beethoven zeigt wie die Zusammenarbeit von Ärzten, Physiotherapeuten und Fitnesstrainern zum Erfolg führen kann. Hier setzt auch die globale Initiative „Exercise is Medicine“ an. Ziel ist es, in ganz Europa körperliche Aktivität und Sport als Prävention gegen Krankheiten und zur medizinischen Behandlung zu verschreiben. Die FIBO trägt als Mitglied der Initiative dazu bei, die Bedeutung von körperlicher Aktivität weiter in der Bevölkerung zu verankern und in allen Altersklassen für das Thema zu sensibilisieren.

www.exerciseismedicine.eu

www.wohnstift-beethoven.de