20. Dezember 2021, von Herman Rutgers

Die Fitnessbranche in 2022: Kühne und weniger kühne Prognosen

Zwei Corona-Jahre liegen hinter uns. Wie wird es 2022 für die Branche weitergehen? Welche Marktsegmente gute Chancen haben, und auf was Studiobetreiber achten sollten. 10 Prognosen fürs neue Jahr. 

 © Shutterstock

Corona hat Veränderungen in der Fitnessbranche beschleunigt. Die Digitalisierung ist ein großes Beispiel, der Aufstieg der vertikalen Fitnessmärkte ein anderer. Worauf es jetzt ankommt, und wo die besten Marktchancen liegen, ein Kommentar von Herman Rutgers.

 

1.       Neue Angebote in den Studios   

Der Lockdown hat gezeigt: Studiobetreiber sind (finanziell) zu sehr von dem Modell der Mitgliedsbeiträge abhängig, welches auf dem Besuch der Einrichtung beruht. Statt des traditionellen Modells der "Gerätevermietung", bei dem eine Anlage gegen eine feste monatliche Gebühr besucht werden kann, suchen die Studios nach neuen Einnahmequellen, die über die monatlichen Beiträge hinausgehen. Möglich sind etwa Online-Streaming-Dienste (Video-on-Demand), Werbung in den Studios und Online-Verkauf von Ernährung, Geräten und Zubehör. Auch ein ganzheitlicherer Ansatz wird dazu beitragen, die Einnahmequellen durch Angebote in den Bereichen Wellness, Spa, Stressmanagement, (Online-)Coaching, Entspannung, Ernährung, Schönheit, Spaß und Begegnung usw. zu erweitern.  Fitnessstudios haben die Möglichkeit, zu einem echten "Gesundheitszentrum" für Verbraucher im weitesten Sinne zu werden.

 

2.       Verbesserte Kundenerfahrung        

Die Fitnessstudios müssen besser zuhören, was Mitglieder und potenzielle Mitglieder wollen. Sie müssen ihr Angebot besser segmentieren und differenzieren. Wenn sie von Anfang an wissen, was der Kunde will, und ihm genau das bieten, wird sich dies positiv auf die Kundenbindung auswirken. Kundenerfahrung und -zufriedenheit werden der Schlüssel sein.                                   

 

3.       Chancen für Premium Studios

Es ist interessant zu sehen, dass sich die RSG Group mit ihrem Angebot nach oben bewegt; sie baut die mittelpreisige Marke John Reed aus und führt das High-End-Konzept "Heimat" in Los Angeles ein. David Lloyd ist mit seinem Premium- und "Familien"-Vollservice-Angebot gut im Geschäft und hat die Eröffnung von 40 neuen Clubs in den kommenden 18 Monaten angekündigt.

Eine Bemerkung zur Segmentierung des Marktes in Premium, Mid und Low Cost: Viele meinen, dass man sich nicht im mittleren Marktsegment bewegen sollte, aber es ist immer noch das größte Segment, was den Wert, die Mitgliederzahl und die Anzahl der Clubs angeht. In den kommenden Jahren wird erwartet, dass das größte Mengenwachstum im Low-Cost-Segment stattfinden wird, aber der mittlere Markt wird bei den Einnahmen immer noch der größte sein.

 

4.       Die Zukunft von Boutique

Boutique-Studios, vor allem in den großen Ballungszentren wie London und Paris, leiden derzeit unter dem mangelnden Publikumsverkehr in der Stadt. Außerdem wurden sie mit ihrem "Play & Pay"-Geschäftsmodell durch die Schließungen stärker beeinträchtigt.  Viele Menschen arbeiten immer noch von zu Hause aus und gehen nicht in die Büros in der Innenstadt, wo sich viele der Boutique-Studios befinden (ThirdSpace, Frame, 1Rebel, usw.). Dies wird sich jedoch ändern, wenn die Covid-Maßnahmen aufgehoben werden.  Das Boutique-Segment wird bleiben, aber nicht alle Konzepte/Marken werden überleben. In den Städten werden sich Möglichkeiten für bessere Angebote zu niedrigeren Mieten und in guten Lagen in ehemaligen Einzelhandelsflächen bieten. Konzepte mit geringem Platzbedarf und geringen Kapitalinvestitionen (wie Bodystreet, Yoga, Pilates und Fit20) können sich gut behaupten.

 

5.       Änderungen in der Rangliste der Top-Clubs

Wie wird sich die Rangliste der Studiobetreiber in 2022 verändern? Vergleicht man 2008 und 2018, so sieht man, dass in den zehn Jahren gleich fünf Marken aus den Top 10 der Fitnessclubs verschwunden und acht neu hinzugekommen sind, eine dramatische Veränderung. Es ist also keine leichte Aufgabe, die Gewinner und Verlierer an der Clubbetreiberfront vorherzusagen. Viele Unternehmen veröffentlichen keine Zahlen oder Wachstumspläne, und es handelt sich immer noch um einen sehr fragmentierten Sektor.

Von den führenden Unternehmen veröffentlichen nur Basic-Fit, The Gym Group, Pure Gym Group, SATS, ACTIC und Benefit Systems regelmäßig Informationen zu Ergebnissen und Wachstumsplänen.

Auf der Seite der Studios, die hundertprozentige Tochtergesellschaften sind, gibt es keine wirklich globalen oder "paneuropäischen" Akteure. Die meisten Betreiber agieren „lokal“. Eine Ausnahme ist Franchise.... Zum Beispiel ist Golds Gym ist eine "weltweit" anerkannte Marke, auch wenn sie bisher schwach waren in Europa. Auch Anytime Fitness kann aufgrund seiner Präsenz auf fünf Kontinenten als globale Marke betrachtet werden.

 

6.       Verbesserte und erweiterte digitale Angebote

Das digitale Ökosystem ist breit gefächert und wächst. Die größten Investitionen werden in den folgenden Kategorien und bei den folgenden Marken getätigt:

 

  • Fitness-Marktplätze/Vermittler (Classpass, Gympass, USC, Hussle, Mindbody, Playbook)
  • Vernetzte (Heim-)Fitness (Peloton, Mirror, Hydrow, Tempo, Icon, Wattbike, Tonal, Technogym)
  • Fitness-Streaming-Dienste/VOD (Apple Fitness+, Cyberobics, Fiit, Fortë, GXR, NEOU, Technogym, Zwift)
  • Fitness-Trainingsgemeinschaften (Freeletics, Sweat, Nike NTC, Adidas, Centr)
  • "Verwalten Sie Ihre eigenen Gesundheitsdaten, Meditation und Erholung" (Strava, Fitbit, Whoop, Amazon Halo, Apple Watch, Hyperice, Calm, Headspace, Whoop, Sleepscore, usw.)

 

Angesichts der Investitionssummen, die für diese Big Tech Unternehmen zur Verfügung stehen, ist es selbst für den größten Fitnessanbieter sehr schwierig, auf allen Ebenen und in jedem Bereich zu konkurrieren.

EuropeActive hat in seinem Buch zum EHFF 2020 das Konzept "Fitness anywhere anytime" unter der Bezeichnung "ODAVAD; On Demand Anywhere Virtual Anytime Digital" vorgestellt. Die Fitnessstudios müssen in der Lage sein, ihren Mitgliedern eine hybride Lösung (auch "phygital" genannt - physisch und digital) anzubieten. Größere Betreiberketten wie Basic-Fit, FitX und RSG haben ihre Apps und digitalen Inhalte selbst entwickelt. Pure Gym und Goodlife nutzen den Anbieter Funxtion und The Gym Group nutzt Fiit für ihre Inhalte. 

Zuletzt hat Apple Fitness+ mit seinem Group Fitness-Angebot die Messlatte für Qualität und Kundenfreundlichkeit höher gelegt. Und es hilft auch, den Verbrauchern zu zeigen, dass man für diese Dienste bezahlen muss. Jetzt expandiert Apple Fitness+ weiter in Europa, mit untertitelten Videos in Deutsch, Französisch, Italienisch und Spanisch...

Zudem wird die Digitalisierung den Clubs helfen, ihre Front- und Back-Office-Aktivitäten zu verbessern. Eine davon ist die "dynamische Preisgestaltung", die es Clubbetreibern ermöglicht, ihre Preisgestaltung zu optimieren (z. B. haben Pure Gym und TGG dies bereits umgesetzt) und mithilfe von KI Prognosemodelle zur Fluktuation zu erstellen.

 

7.       Ein größerer Fokus auf Nachhaltigkeit

Vor allem für die größeren und börsennotierten Unternehmen wird es in den nächsten Jahren immer wichtiger werden, darüber zu Rechenschaft abzulegen, was sie für die Umwelt und für ihre Nachhaltigkeitsziele tun, wie z. B. einen geringeren Energieverbrauch, selbst betriebene Maschinen, Recycling von Altgeräten usw. Die EU verlangt von börsennotierten Unternehmen ab 2023 eine "integrierte Berichterstattung", was bedeutet, dass sie die Auswirkungen ihrer Tätigkeiten auf die Umwelt und die Gesellschaft sowohl für sich selbst als auch für ihre Zulieferer darlegen müssen.

 

8.       Chancen in den „vertikalen Märkten”

Die jüngste Ankündigung von Peloton, eine "kommerzielle Abteilung" zu gründen, die Cardio- und Kraftgeräte von Peloton und Precor an Hotels verkauft, zeigt, welch große Chance außerhalb des Studiomarktes besteht... Das gesamte Spektrum von Krankenhäusern, Physiotherapeuten, Polizei, Feuerwehr, Militär, Unternehmen, Athleten, Universitäten/Schulen usw. ist riesig und eine wachsende Chance.

 

9.       Connected Home

Diese Kategorie wird sich weiter entwickeln und Betreiber werden Heimgeräte anbieten - mit oder ohne gebündelte Mitgliedschaft und Zahlungsoptionen, wie wir es bereits bei SATS (Nordics) und Retro Fitness (US) gesehen haben.

 

10.   Die Konsolidierung wird sich fortsetzen

Es ist zu erwarten, dass die Corona-Krise die Konsolidierung auf der Betreiberseite beschleunigen wird. Eine Reihe größerer Ketten haben ihre Bilanzen gestärkt und verfügen über das nötige Kapital oder den Zugang zu Finanzmitteln, um einige kleinere oder größere Konkurrenten zu übernehmen... auch einige Unabhängige werden leider nicht in der Lage sein, die durch die Schließungen und Einkommensverluste entstandenen Schäden zu überwinden und müssen ihre Türen für immer schließen.

 

Wie man so schön sagt: "Es wird nie langweilig". Mit Sicherheit wird 2022 ein weiteres herausforderndes und aufregendes Jahr für unsere Branche sein!

 

Herman Rutgers, Dezember 2021