21. Dezember 2021, von Olaf Tomscheit

Neurozentriertes Training gewinnt in der Therapie weiter an Bedeutung

Bei Long-Covid Patienten kann die Kommunikation innerhalb des Gehirns gestört sein. Warum das Neurozentrierte Training helfen kann und die Aussichten für Trainer in der Therapie. Ein Gespräch mit Personal Trainerin Luise Walther. 

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Luise Walther ist als zertifizierte Personal Trainerin spezialisiert auf die funktionelle Neurologie und das neuronale Bewegungstraining. Sie hat umfangreiche nationale und internationale Weiterbildungen, gerade im Bereich der funktionellen Neurologie, absolviert. Durch die jahrelange Zusammenarbeit mit Orthopäden und Unfallchirurgen verfügt sie über ein fundiertes Fachwissen in der Rehabilitation, Verletzungsprophylaxe und Performance-Steigerung. 

FIBO: Luise, Du bist jetzt seit vier Jahren Personal Trainerin und hast Dich sukzessive auf das neurozentrierte Training spezialisiert. Wie würdest Du Dein Kundenklientel beschreiben?   

Luise Walther:Aktuell registriere ich einen sehr starken Zulauf an Long-Covid Patienten. Das liegt vielleicht auch daran, dass dieser Patientengruppe in den üblichen Gesundheitseinrichtungen nicht ausreichend geholfen werden kann. Bei Long-Covid Patienten sind die Auswirkungen auf die Physiologie und das Immunsystem erheblich. Das geht von Schädigungen der Lunge über Herzrhythmusstörungen bis hin zu Dysregulationen des Immunsystems.

 

Was hat das für den Patienten für Folgen?

Luise: Diese gehen weit über Atemprobleme hinaus. Der neuronal auftretende Stress belastet das Hormonsystems und ruft damit körpereigene Veränderungen hervor. Diese starken Auswirkungen sind vermutlich durch die hohe Konzentration der ACe2 Rezeptoren im Hirnstamm zurückzuführen. Der Hirnstamm ist der erste Bereich, der für den Blutfluss aus dem Körper leicht zugänglich ist. Dies führt zu einer verstärkten Entzündung in diesen lokalen Bereichen und zu einer Unterbrechung der Zellfunktionen. Vereinfacht gesagt, wird also die Kommunikation innerhalb des Gehirns gestört.

Luise Walther © Andreas Sebayang

Warum kann hier das Neurozentrierte Training gut helfen?

Luise: Weil es genau dort ansetzt, im Gehirn. Gezielte Übungen aktivieren die betroffenen Hirnareale. Im Training fokussiere ich mich zum Beispiel auf Übungen die gezielt den Hirnstamm aktivieren, das können Zungenübungen, Atemtechniken, Summen oder Gurgeln sein. Daneben sind Übungen für das Mittelhirn wie beispielsweise Augenliegestütze sinnvoll. Und ein weiterer Bereich der sich bei Post-Covid als erfolgsversprechend herausgestellt hat, ist die Vagusnervaktivierung.

 

Der DFB setzt seit Oktober 2019 an seiner Akademie neurozentriertes Training ein. Ist der Begriff immer noch erklärungsbedürftig oder wird er mittlerweile von Trainern, Sportlern, Physio-therapeuten und Ärzten gut verstanden? 

Luise: Es ist immer noch sehr wichtig Aufklärung für das Thema „Gehirn als zentrale Steuereinheit“ zu schaffen. Wer z.B. im Spitzensport arbeitet, der ist mittlerweile mit dem Thema gut vertraut. Allerdings bestehen grundsätzlich noch große Potentiale für die Verbesserung von Training und Therapie durch neurozentriertes Training.

 

Du arbeitest eng mit Ärzten zusammen. Diese empfehlen ihren Patienten eine Zusammenarbeit mit Dir. Worin sehen die Ärzte hier den Vorteil?

Luise: Ich denke, dass die Ärzte, mit denen ich zusammenarbeite, erkennen, dass sie ihre Patienten jemanden empfehlen, der ihnen mit Hilfe von körperlichem Training, wie auch neurozentriertem Training, helfen kann die gesundheitliche Situation zu verbessern. Ärzte leisten in der Regel nur in der akuten Phase Hilfe. Egal ob nach einer akuten Verletzung oder nach längerer Rehabilitation und Therapie – irgendwann spielt dann das Training und das aktiv werden eine wichtige Rolle. Hier braucht es dann eine professionelle Unterstützung.

 

Personal Trainer sind uns jetzt eher aus der Fitnessbranche bekannt. Kann es sein, dass wir in Zukunft mehr Personal Trainer im Therapiebereich finden werden.

Luise: Das ist gut möglich. Ein Personal Trainer hat erst einmal eine gute Basisausbildung. Er kann sich dann über unterschiedliche Ausbildungsmodule weiteres Wissen für die Therapie aneignen. Zusätzlich kann er, wie ich es getan habe, auch mit Ärzten zusammenarbeiten. Ebenso kann ich gut die Zusammenarbeit mit einer Physiotherapiepraxis empfehlen. Die Aussichten für uns sind hier sehr gut. Denn mit den Best Agern erhalten wir ein großes Potential an Menschen, die noch voll leistungsfähig sein wollen, aber schon mit den ersten körperlichen Einschränkungen kämpfen.

 

Luise, vielen Dank für Deine Zeit. Wir sehen uns spätestens auf der FIBO.  

Luise Walter ist zur FIBO 2022 im Programm des Meetingpoint Health & Wellness in Halle 8 mit zwei Vorträgen vertreten. Am Freitag referiert sie zum Thema „Neurozentriertes Training: Train smart not hard“ und am Samstag zum Thema „Neurozentriertes Training: Anwendungsbeispiele für die Praxis“.