• 7 – 10 April 2022
  • Messegelände Köln

10. Juli 2021, von Marc Weit

Fitness und Medizin 2.0: Mit digitalem Support die Gesundheit unterstützen

Die digitale Vernetzung von Fitness und Medizin steckt noch in den Kinderschuhen. Mittelfristig können Daten aus dem Fitnessstudio zur medizinischen Diagnostik beitragen. Was von der App aufs Rezept bis zur KI schon möglich ist.

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Zivilisationskrankheiten wie Adipositas, das Metabolische Syndrom und Diabetes sind weltweit auf dem Vormarsch. Ob zu Hause, im Studio oder in der Natur – Fitness und Medizin brauchen digitalen Support, um wirksam gegen sie anzugehen. Die Vorteile der Digitalisierung im Gesundheitswesen sind offensichtlich: Sie erschließt neue Möglichkeiten in der Prävention und der Behandlung von Krankheiten. Wer sich dem verschließt, lässt einen riesigen Markt links liegen.

 

Weckruf Pandemie 

Die Pandemie hat Deutschland unsanft aus dem digitalen Dornröschenschlaf geweckt. Videokonferenzen sind längst Routine. Collaboration- Tools wie „Teams“ und „Slack“ prägen unser Kommunikationsverhalten teilweise bis weit ins Privatleben hinein. In den Großstädten shoppen nicht nur Hipster in virtuellen Supermärkten, deren „Rider“ die Lebensmittelbeute innerhalb von zehn Minuten nach Hause bringen – dank perfekter digitaler Steuerung von Einkauf und Logistik. Die Digitalisierung ist das Thema unserer Zeit. In fast allen Lebensbereichen. Auch die Fitnessbranche und der Medizinsektor müssen schnell und konsequent weiter digitalisiert werden.

 

Mut und Kreativität

Damit wir uns richtig verstehen: Es geht nicht nur um die erfolgreichen virtuellen Trainingsplattformen für Radsportler oder die Yogakurse per Skype. Es geht um alle Angebote. Und es betrifft auch analoge Studios und Personal Trainer. Ausnahmen gibt es nicht mehr. Dabei ist ganz wichtig: Wir sollten die Digitalisierung nicht als Bedrohung für die Fitnessbranche sehen, sondern als Chance, attraktiv zu bleiben und neue Zielgruppen zu erschließen. Hierfür muss eine konsequente Auseinandersetzung mit den modernen Entwicklungen aus dem digitalen Sektor stattfinden.

Mut und Kreativität sind gefragt! Wie verbinde ich die Skills der Online-Angebote mit dem, was mein Studio bietet? Ich bin sicher: Ein stylishes Ambiente und sympathische Coaches allein reichen nicht mehr, um Kunden zu gewinnen und zu halten. Sie erwarten längst mehr als nur Abnehm- oder Aufbauprogramme, sie wollen auch Empfehlungen, welche Wearables und Fitnesstools zu ihren Bedürfnissen passen, wie die Aktivitäten getrackt werden und welche Schlüsse sich daraus für ihr individuelles Training ziehen lassen. Diese Daten dürfen kein Exklusivmaterial für die Trainer sein. Sie müssen auch für die Sportler verfügbar sein, egal ob im Studio oder zu Hause. Dabei gerne auch den Fun-Faktor im Auge behalten: Die erfolgreichsten Teilnehmer eines Spinning- Kurses erhalten eine virtuelle Medaille als Push-Nachricht – mit einer solchen Trophäe auf dem Smartphone sitzt man auch beim nächsten Rennen wieder motiviert im Sattel. Die Digitalisierung bietet gigantische, fast grenzenlose Möglichkeiten, auch was die Interaktion mit Kunden angeht.

 

Digitale Formate

Durch die konsequente Anwendung digitaler Formate, die sich als hybride Lösungen sehr gut mit analogen Studioangeboten kombinieren lassen, können wir viel mehr Menschen erreichen, für Fitness begeistern und zu einer Verbesserung ihrer Lebensqualität beitragen. Der Feind ist nicht Peloton, sondern die Couch! Die Frage ist nicht: „Wie positioniere ich mich gegen digitale Angebote?“, sondern: „Wie integriere ich sie in mein bestehendes Angebot und meine Positionierung?“

Ohne Gamification geht es nicht! Auch naturverbundene Läufer zeichnen ihre Trainingseinheiten penibel auf. Ein monatliches Trainingsranking in einer digitalen Community spornt an und vertreibt den inneren Schweinehund. Zudem macht es einfach Spaß, neue Apps, Tools und Trainingsformate auszuprobieren, egal ob man im Wald oder im Studio Sport macht.

Aufgezeichnete Trainingsdaten machen Erfolge sichtbar. Mehr als die Hälfte der sportbegeisterten Menschen in Deutschland möchte sich durchs Training verbessern; Corona hat diesen Trend ganz sicher verstärkt. Selbstoptimierung gehört laut dem deutschen Zukunftsinstitut zu den globalen Megatrends. Digitale Accessoires und Apps helfen, Erfolge messbar zu machen, zu belegen und vor allem auch vorzuzeigen. Der Abend im Fitnessstudio eignet sich derweil hervorragend als Social-Media-Post, egal ob auf Facebook, Instagram oder TikTok.

Moderne Körperdatenmessung fördert nicht nur Erfolge, sondern auch die Gesundheit – wir können gezielt optimieren, vermeiden Trainingsfehler und Überlastung. Diese Daten für Kunden greifbar zu machen, macht Trainer zu besseren, qualifizierteren Sparringspartnern.

Daten-Networking zwischen Fitness und Medizin: Mittelfristig können Daten aus dem Fitnessstudio zur medizinischen Diagnostik beitragen. Oder auch als Beleg für eine Reduzierung der Krankenkassenbeiträge dienen, weil unsere Kunden ihre sportliche Aktivität belegen können. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch eine Forsa- Umfrage von 2019, die besagt, dass 79 Prozent der Deutschen bereit wären, ihre Gesundheitsdaten anonym zu spenden. Der Wert und die Notwendigkeit der Erhebung und Auswertung von Gesundheitsdaten ist also vielen bereits klar.

 

Fitness und Medizin

Die digitale Vernetzung von Fitness und Medizin steckt noch in den Kinderschuhen. Viele Physiotherapeuten sind hier weiter und haben schon längst digitale Schnittstellen zu Ärzten integriert, weil sie erkannt haben, wie wichtig der schnelle, unkomplizierte Austausch zum Beispiel über Diagnoseergebnisse und Körperdaten für ihre Arbeit ist.

Obwohl hier alle profitieren könnten, steht der Bereich der Telematik, zu dem u. a. Videosprechstunden gehören, noch am Anfang. Diese Art der Kommunikation wäre insbesondere für Menschen, die außerhalb von Ballungsgebieten wohnen oder nur eingeschränkt mobil sind, eine enorme Erleichterung. Viele Arzttermine in zum Beispiel der Nachsorge oder auch Gesprächstherapie können genauso gut via Chat oder Telefon stattfinden, bequem vom Sofa aus. Fernbehandlungen sind Ärzten in Deutschland seit Mitte 2018 erlaubt. Dennoch läuft die Umsetzung schleppend. Auch hier wird sich in den nächsten Jahren einiges tun. 

Es empfiehlt sich zwar – in der Medizin und auch im Fitnessbereich –, nicht ausschließlich auf Fernbetreuung zu setzen, denn komplett kann sie das Erlebnis eines persönlichen Treffens nicht ersetzen. Dennoch: Wenn die Not groß ist oder Faceto- Face-Termine – zum Beispiel während eines Lockdowns – nicht möglich sind, kann die Telemedizin die Rettung sein und darüber hinaus, wie oben schon erwähnt, neue Zielgruppen erschließen. Denn eines kommt noch hinzu: Einsamkeit ist in der heutigen Zeit, verstärkt durch die Pandemie, ein Riesenthema. Digitale Tools vernetzen Menschen – ob nun mit einem Laufranking im Freundeskreis via App oder mit Online-Selbsthilfeangeboten.

 

Die App aufs Rezept 

Sogar die App auf Rezept gibt es schon! Seit dem Inkrafttreten des Digitalen Versorgungsgesetzes können „Digitale Gesundheitsanwendungen“ – sprich, Apps, die die Gesundheit fördern – von Ärzten verschrieben und von den Krankenkassen übernommen werden. Darunter finden sich Apps für verschiedenste Erkrankungen, die zum Beispiel bei Depressionen, Alkoholabhängigkeit, Adipositas und in der Nachsorge von Krebs oder einem Schlaganfall eine wertvolle Unterstützung sein können.

 

Künstliche Intelligenz

Ein weiterer Bereich in der Medizin, in dem Digitalisierung eine große Rolle spielt, ist Künstliche Intelligenz (KI) und Robotik. Insbesondere im Bereich der Radiologie werden in der Bildgebung (CT und MRT) massenweise Bilddaten erzeugt. Kein Mensch könnte all diese Aufnahmen auswerten, um sie miteinander zu vergleichen und daraus Schlüsse für die MRT- oder CT-Bilder eines bestimmten Patienten zu ziehen. Hier kommt die KI ins Spiel. Intelligente Hochleistungssysteme liefern innerhalb von Sekunden treffsichere Beurteilungen, für die Ärzte jahrelange Erfahrung, viele Stunden Arbeit und höchste Konzentration benötigen würden. Darüber hinaus können Maschinen in den Bildern und Daten Muster erkennen, die den menschlichen Experten verborgen bleiben. 

Dennoch: Den Menschen werden die Maschinen in absehbarer Zeit nicht ersetzen. Denn am Ende sind die Computer von Menschen erschaffen. Sie sind abhängig von der Qualität des Datenfutters. Und zwei wichtige Dinge fehlen ihnen: die Fähigkeit zur Selbstkritik und in vielen Bereichen Transparenz. Sie spucken ein Ergebnis aus – der Weg dorthin findet jedoch häufig in einer nicht einsehbaren Blackbox statt. Auch Entscheidungen kann KI nicht treffen – so übernehmen dies nach wie vor die Ärzte, aber eben häufig auf Basis der von der KI ermittelten Parameter. Die an digitale Systeme gekoppelte Robotik kommt vor allem bei Operationen zum Einsatz. Die Vorteile sind höhere Präzision und bessere minimalinvasive Fähigkeiten.

 

Fazit

Zusammenfassend können wir meiner Meinung nach dann den größten Benefit aus den neuen Technologien ziehen, wenn wir digitale Tools mit menschlichen Skills verbinden. Denn weder möchte man eine schlechte Nachricht von einem herzlosen Doktor-Roboter überbracht bekommen noch macht einem ein rein App-basiertes Fitnessprogramm Spaß. Zu einem wirklich erfüllenden Sportprogramm gehören zwischenmenschlicher Austausch und eben auch die nötige Trainer-Expertise, die einem im Zusammenspiel mit Körperdaten hilft das individuell optimierte Training zu finden.

 

Dieser Artikel erschien zunächst in der bodyLIFE www.bodylife.com

 

Über den Autor

Dr. Marc Weit war Kunstturner und hat in Sportmedizin promoviert mit dem erklärten Ziel, den plötzlichen Herztod bei Sportlern zu bekämpfen. Aus dieser Motivation heraus gründete er 2001 nach vielen Jahren in Klinik und Forschung in Hamburg die cardioscan GmbH für eine bessere Diagnostik, damit Training einfach funktioniert. Sein aktuelles Buch „Immunbooster Muskulatur: Der Geheimcode ist entschlüsselt“ ist bei Insight Publishing erschienen und kostet 14,90 Euro