20. September 2021, von Cornelia Tautenhahn

So gelingt barrierefreies Training: Hier trainieren Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen zusammen

Im Westpark in Hanau wird Inklusion im doppelten Sinne gelebt. Mitarbeiter und Mitglieder mit Behinderung können hier am Angebot der Fitnessbranche teilhaben. Warum das Konzept erfolgreich ist und was andere Fitnessstudios davon lernen können. 

© Westpark Hanau

„Erst wenn wir nicht mehr über Inklusion sprechen, ist es uns gelungen Inklusion zu leben.“

 

Seit Oktober 2019 trainieren im Westpark Menschen mit und ohne Behinderung ganz selbstverständlich zusammen. Bis heute ist es das einzige Fitnessstudio dieser Art in Deutschland. Dabei geht nicht nur um die körperliche Fitness und Gesundheit und ein erfolgreiches Business, sondern auch um Selbstvertrauen und Chancengleichheit. Wir haben mit dem Betriebsleiter Wladimir Römmich über das Konzept gesprochen, woran es der Fitnessbranche noch fehlt, und warum und wie das Thema Inklusion für alle Studiobetreiber auf die Agenda kommen kann. 

 

FIBO: Was sind die größten Hindernisse für Menschen mit Beeinträchtigung in einem nicht darauf speziell ausgerichteten Studio?

Wladimir Römmich: Man muss natürlich immer dazu sagen: Ich persönlich habe es nicht erlebt, aber ich arbeite seit über 20 Jahren mit Menschen mit Behinderungen zusammen und habe dementsprechend sehr viele Feedbacks gehört. Das größte Thema ist zunächst die Gebäudetechnik – wenn man ins Fitnessstudio schon gar nicht reinkommt, weil zum Beispiel Rampen oder ein Aufzug fehlt, ist man von vornherein von dem Angebot ausgeschlossen. Das zieht sich dann durch das ganze Gebäude durch: Sind die Türen breit genug? Komme ich in der Umkleide an die Schränke? Gibt es spezielle Duschen oder Toiletten? Kann ich die Sauna benutzen? Komme ich als Rollstuhlfahrer durch das Drehkreuz am Eingang? Wie hoch ist der Empfangstresen? Es gibt sehr viele Details, die eine große Herausforderung sind. Erst wenn diese Dinge erfüllt sind, kann man sich dem Herzstück des Studios, der Trainingsfläche widmen. Denn viele Geräte können je nach Art der Behinderung einfach nicht benutzt werden.

 

Was haben Sie hier anders gemacht?

Römmich: Wir wollten im Westpark keine Sonderwelten oder abgetrennte Bereiche schaffen, sondern eine Trainingsfläche für alle. Das ist uns auf verschiedenen Wegen gelungen. Zum Beispiel sind wir nach langem Suchen bei Cybex fündig geworden, die Fitnessgeräte konzipiert haben, die speziell auf die besonderen Trainingsbedürfnisse behinderter Personen zugeschnitten sind, aber eben halt auch auf den Rest der Bevölkerung. So kann zum Beispiel bei der Brustpresse oder dem Latzug der Sitz weggeklappt werden und ist dann für Rollstuhlfahrer zugänglich. Alleine an diesen Geräten wird Inklusion gelebt. Diesen Zugang auch in der Entwicklung von Fitnessgeräten möchte ich gerne den Herstellern ans Herz legen.

Auch psychisch Kranke oder geistig Behinderte trainieren bei euch. Wie habt ihr euch hier aufgestellt?

Römmich: Auch hier müssen wir überlegen, wo wir die Mitglieder trainieren lassen. Da bieten sich natürlich Zirkel wie von jene „milon“ oder „EGYM“ an, die voreingestellt sind. Zudem spielt die unterstützende Kommunikation eine große Rolle – Wie finde ich eigentlich mein nächstes Gerät? Hier arbeiten wir mit klaren Kennzeichnungen auf den Geräten.

Der größte Faktor ist aber sicherlich die Betreuung. Bei uns schließt der Trainer morgens auf und abends zu, es ist also immer jemand da. Bei uns wird nicht am Personal gespart. Wir haben neben Trainern auch Sportwissenschaftler und Physiotherapeuten an Bord. So haben wir immer einen intensiven Fachaustausch, um das individuell beste Training für den jeweiligen Kunden zu entwickeln. Was mir ganz persönlich zudem sehr wichtig ist: Wir unterscheiden unsere Mitglieder nicht, wir fragen keine Behinderungen ab und behandeln alle gleich.  

© Westpark Hanau

Betriebsleiter Wladimir Römmich möchte das Thema Inklusion fest in der Fitnessbranche verankern.

Wie sieht das beim Kursangebot aus?

Römmich: Auch hier versuchen wir immer den Inklusionsgedanken durchzuziehen. Wir haben einen Kursplan für alle und wollen keine Extrakurse für bestimmte Gruppen. Wenn ein Mitglied mit körperlichen Beeinträchtigungen oder einfach Verständnisproblemen mitmachen möchte, wird er vom Kursleiter entsprechend abgeholt und es werden ggf. Alternativen aufgezeigt – ohne die Gesamtgruppe zu beeinträchtigen. Die Selbstbestimmtheit ist sehr wichtig, jeder trifft seine eigene Entscheidung, was er sich zutraut und was er gerne einmal versuchen möchte.

 

Wird man in diesem Umfeld dann automatisch mutiger?

Römmich: Wir merken, dass die Nachfrage steigt, inzwischen kommen die Menschen sogar aus Frankfurt zu uns. Immer mehr Menschen mit Behinderungen wagen den Schritt ins Fitnessstudio. Ich werde nie einen jungen Mann vergessen, der sich das Studio angeschaut hat und zu mir gesagt hat: „Ich glaube, ich bin hier im Paradies“. Wir machen Dinge möglich, die Leute bis dahin nicht für möglich gehalten haben. 

 

Sicherlich spielt der soziale Aspekt bei Ihnen im Studio dann auch eine große Rolle.

Römmich: Ja, wir sind hier eine Community. Die Mitglieder motivieren sich gegenseitig. Zudem spielen dabei natürlich die Trainer eine wichtige Rolle. 

© Westpark Hanau
Die Betreuung ist eines der Schlüsselelemente des Konzeptes.

Welche Kompetenzen sollten Trainer mitbringen?

Römmich: Man sollte nicht zusammenzucken beim Umgang mit allen Arten von Behinderungen. Keine Voreingenommenheit, ja einfach Menschlichkeit ist eine Grundvoraussetzung. Grundsätzlich kann jeder Trainer hier arbeiten, mit ein wenig Support von den erfahrenden Kollegen. Kommunikation ist alles, man findet immer Wege. Und falls mal eine Krankheit vorliegt, die wir noch nicht kennen, halten wir Rücksprache mit dem Betreuer oder Physiotherapeuten. Das A und O sind natürlich eine ausführliche Anamnese am Anfang und regelmäßige Check-Ups. Bei uns ist immer ein Trainer da, der alles im Blick hat. Das ist für alle unsere Mitglieder wichtig, unabhängig von der eigenen Verfassung.

 

Erleben Sie durch die sportliche Integration auch eine soziale Integration im Studio?

Römmich: Das Schöne ist, wir sprechen gar nicht mehr über irgendwelche Beeinträchtigungen. Für unsere Mitglieder ist das nicht Besonderes mehr. Das ist für mich auch das wichtigste Thema: Keine Unterschiede machen! Erst wenn wir nicht mehr über Inklusion sprechen, ist es uns gelungen Inklusion zu leben.  Wir als Gesellschaft müssen die Zugänge ermöglichen, so dass Jeder teilhaben kann.  

Ihr Studio hat eine Spezialisierung auf Inklusion. Wie kann denn jedes andere Fitnessstudio mit kleinen Mitteln in dem Bereich besser werden?

Römmich: Man muss offen darüber sprechen, damit die Menschen einen Zugang finden können. Aber Zugang heißt natürlich auch im wahrsten Sinne des Wortes den Zugang zum Fitnessstudio – sprich einen Aufzug oder eine Rampe am Eingang zu haben. Diese Barrierefreiheit ist eine Grundvoraussetzung. Manchmal reichen tatsächlich auch Kleinigkeiten, um Verbesserungen zu erreichen, wie zum Beispiel ein unterfahrbarer Fön-Platz in der Umkleidekabine.

Auch wenn die Geräte im Studio nicht speziell konzipiert sind, so kann man als Betreiber doch viele Trainingsmöglichkeiten für Menschen mit Beeinträchtigungen aufzeigen. Die Betreuung ist der Schlüssel. Man kann gemeinsam mit dem Team Ideen entwickeln, wie man zum Beispiel Rollstuhlfahrern Trainings mit der vorhandenen Ausstattung erreichen kann.

 

Sich mit dem Thema auseinanderzusetzen kann für die Betreiber viele neue Möglichkeiten bieten.

Römmich: Ja genau. Man kann neue Zielgruppen ansprechen und sich durch diese Spezialisierung von Wettbewerbern abheben. Zudem besteht die Möglichkeit Trainings auf Rezept durch die Krankenkassen anzubieten und sich so ein weiteres Standbein im Gesundheitsmarkt aufzubauen.

 

Ihr bindet aktiv Menschen mit Behinderungen in den Arbeitsmarkt Fitness ein. Wie groß ist die Nachfrage?

Römmich: Wir versuchen natürlich immer wieder neue Arbeitsplätze für Menschen mit Beeinträchtigungen zu schaffen. Wir haben sehr viele Anfragen nach Praktika etc. Sicherlich muss man auch die Anforderungen erfüllen wie zum Beispiel an den Schichtbetrieb, Einsätze am Abend und am Wochenende. Wir behandeln alle Mitarbeiter gleich und „normal“. Dabei schauen wir natürlich wie in jeder anderen Firma auch auf die individuellen Bedürfnisse.

 

Inwieweit hat das Ihre Unternehmenskultur geprägt?

Römmich: Wir führen Menschen an das Berufsbild heran. Jeder Trainer hat bei uns einen Assistenten, damit machen wir „Training on the Job“. Nach und nach können unsere Mitarbeiter mit Behinderungen so immer mehr Aufgaben auch eigenständig übernehmen. Wir haben zudem einen internen Ausbildungsgang bei uns geschaffen, den „Assistenten für Fitness und Gesundheit“. Wir qualifizieren Menschen mit Behinderungen gezielt für das Berufsbild. Hier arbeiten wir eng mit der Special Olympics Akademie und dem Bildungscampus bei uns im Haus zusammen. Das ist sehr stark gefragt. Was man auch nicht vergessen darf: Oft macht es auch Sinn, wenn der Assistent die Einweisung übernimmt und nicht der Trainer, weil dieser Trainierende mit Einschränkungen vielleicht besser ansprechen kann, weil das Verständnis größer ist. Zudem sind die Stellen in der Verwaltung oder am Empfang auch sehr gute Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderungen. Es geht um eine sinnvolle Beschäftigung, aber man muss auch wirtschaftlich gut damit agieren können.

 

Was müssen Arbeitgeber beachten, zum Beispiel bei der Arbeitsumgebung, Arbeitszeitmodellen und ggf. einer größeren Unterstützung der Beschäftigten?

Römmich: Auch hier gilt, alle werden gleich – individuell – behandelt. Jede hat seine eigenen Bedürfnisse, mit oder ohne Beeinträchtigung. Wichtig ist der Austausch. Wir gehen regelmäßig ins Gespräch, ob bei der Tätigkeit alles passt, und ob privat alles in Ordnung ist. Probleme werden gemeinsam gelöst und wir nehmen aufeinander Rücksicht.  

 

Was sind ihre Pläne in der Zukunft?

Römmich: Das Element Wasser ist für uns sehr interessant. In 5-10 Jahren wäre es toll, zum Beispiel Wassergymnastik anbieten zu können. Ansonsten gilt es die verlorene Zeit der Pandemie wieder aufzuholen. Wobei wir insgesamt gut durch die Corona-Krise gekommen sind. Dadurch dass wir eine Nische bedienen, haben wir eine hohe Kundenbindung. Wir ziehen auch Mitglieder an, die zum Beispiel älter sind und die Barrierefreiheit schätzen oder einfach die Mitglieder, die das Konzept unterstützen möchten.

 

Wie kann das Thema Inklusion in der Fitnessbranche weiter in den Fokus rücken?

Römmich: Wir haben das Konzept gestartet, weil wir gesehen haben, dass es noch keiner macht. Wir wollen als Impulsgeber in der Fitnessbranche vorangehen. Dabei ist unser Ziel nicht die Expansion, sondern die Branche dazu zu bringen, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Man kann mit recht einfachen Denkmustern schon viel erreichen, denn die Inklusion beginnt im Kopf.

Es geht auch nicht nur darum „etwas Gutes zu tun“. Auch konzeptionelle und Marketing-Gesichtspunkte sollten von Betreibern in Betracht gezogen werden. Es steckt viel Potenzial in der Inklusion für alle Seiten.

Wir im Westpark möchten gerne der Branche die Augen öffnen, was alles möglich ist. Es muss in die Branchenmedien und es muss darüber gesprochen werden. Dann werden wir solche Interviews wie heute in Zukunft nicht mehr führen müssen, weil die Inklusion einfach ganz normal ist.

Vielen Dank für das Interview!