28. September 2021, von Olaf Tomscheit

Warum die Physiotherapie immer häufiger auf Privatzahler setzt

Ärztliche Verordnungen oder Leistungen für Privatzahler- welchen Weg Physiotherapie-Praxen wählen, hat große Auswirkungen auf ihre finanzielle Gesundheit. Woran es beim System hapert und was der Fachkräftemangel für die Praxen bedeutet. 

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Michael Heßberger betreibt zusammen mit seiner Frau eine physiotherapeutische Privatpraxis in Johannesberg. In der gut 4.000 Einwohner zählenden Gemeinde in der Nähe von Aschaffenburg bieten beide neben der manuellen Therapie auch Shiatsu, Yoga und Ernährungsberatung an. Früher finanzierte sich ihre Praxis durch ärztliche Verordnungen. In den letzten Jahren stieg allerdings der Anteil der Einnahmen durch Privatpatienten deutlich.

 

FIBO: Herr Heßberger, Sie haben kürzlich Ihre vorherige, deutlich größere Praxis aufgegeben und konzentrieren sich jetzt auf einen kleineren Betrieb. Was sind die Gründe hierfür?

Michael Heßberger: Wir hatten in unserer großen Praxis in Neu-Isenburg u.a. stark mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen. Es war für uns sehr schwierig geeignete Physiotherapeuten/innen zu finden. Bei den Bewerbern mangelte es häufig an fachlicher und menschlicher Kompetenz. Oft waren die Gehaltsvorstellungen der Bewerber nicht umsetzbar. Hinzu kam, dass es immer schwieriger wurde, durch die Abrechnungen der ärztlichen Verordnung einen kostendeckenden Betrieb zu realisieren. Auch die Miete war hier ein nicht unerheblicher Punkt, die in den letzten Jahren immer weiter stieg.  

Bedeutet dies, dass eine Versorgung der Bevölkerung mit physiotherapeutischen Leistungen, die über die Krankenkasse abgerechnet wird, immer schwieriger wird?

Heßberger:  Ja, es ist immer wieder das Thema Fachkräftemangel und mangelnde Entlohnung. Und diese beiden Punkte hängen natürlich zusammen. Jungen Menschen fehlt einfach die Perspektive. Sie stellen sich die Frage, warum sie in eine lange intensive Ausbildung investieren sollen, wenn sie sich späteren im Beruf nur einen sehr einfachen Lebensstil leisten können. Dabei interessieren sie sich eigentlich für das Berufsbild. Hintergründe für die niedrige Entlohnung sind der niedrige Rezeptwert und die steigenden Kosten. Auf dem Land kommt dann noch die fehlende Auslastung der Praxen hinzu, so dass die Versorgung der Bevölkerung mit physiotherapeutischen Leistungen auf Rezept immer schwieriger wird. 

 

Geht es Ihnen jetzt mit der Konzentration auf die Praxis in Johannesberg besser – auch finanziell?

Heßberger:  Meine Frau und ich können flexibler und freier unsere Therapiezeit planen und durch den hohen Anteil an Privatpatienten rechnet sich die Praxis jetzt besser. Wir sind nicht mehr an das System der gesetzlichen Kassen gebunden und können diese Freiheit auch an unsere Kunden weitergeben, sprich individuelle Behandlungszeiten, Beratungen, eigenständige Therapiekonzepte, etc. Es war aber auch kein einfacher Schritt. Am Anfang mussten wir allen Mut zusammennehmen. Aber es hat sich gelohnt. Unsere Privatkunden, deren Anzahl stetig wächst, sind zufrieden mit unserem Angebot.  

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Sinah und Michael Heßberger führen die Praxis gemeinsam

Sehen Sie, dass die Akzeptanz von privat gezahlten physiotherapeutischen Leistungen steigt? 

Heßberger: Ja, auf jeden Fall. Für unsere Yoga und Shiatsu-Stunden war das nie ein Thema. Aber auch die manuelle Therapie, private Physiotherapie oder individuelle Massagen können wir mit einer großen Akzeptanz privat abrechnen.

 

Heißt das, wir erhalten auch hier eine Zweiteilung der Gesellschaft. Ein Teil, der lange auf einen Termin bei einem Physiotherapeuten warten muss und ein anderer Teil, der sich seine Therapie selbst leistet und am Ende des Jahres mit der Steuer abrechnet?

Heßberger: Ja, aber diese Entwicklung entsteht aus den Rahmenbedingen, die die Politik geschaffen hat.

 

Ihre Praxis heißt Weitblick. Ist damit nur der schöne Ausblick gemeint oder ist das auch ihr Lebensmotto? 

Heßberger: Unsere Patienten und Kunden können einen wunderbaren Ausblick über Johannesberg hinweg, in den Spessart und in Richtung Odenwald genießen. Sie haben einen weiten Blick. Den sollten wir auch für unser Leben haben. Nicht nur für die nächsten Wochen und Monate. Nicht nur für das Arbeitsleben. Wir sollten unseren Blick in die Weite richten, womit unsere Gesundheit immer mehr in den Fokus rückt. Wir wollen den Menschen helfen diese Gesundheit zu fördern, mit Bewegung, Atmung und Ernährung. 

 

Herr Heßberger, vielen Dank für Ihre Zeit und das interessante Interview.