13. Dezember 2021, von Andreas Bechler

Brauche ich als Fitnessstudio eine eigene App?

Das eigene Fitnessstudio in einer App? Heutzutage leichter umsetzbar als man denkt. Aber was gilt es dabei zu beachten und ist es auch für jedes Studio der richtige Weg?

Die Pandemie hat für viele Studioverantwortliche Dinge wieder in den Vordergrund rücken lassen, die man vielleicht zu gerne auf die lange Bank geschoben hätte. Die eigene Studio-App ist eine solche Sache. Wie so viele Dinge im Umfeld des großen Schlagwortes “Digitalisierung” geht auch mit der App die Notwendigkeit eines gewissen technischen Verständnisses einher, für dessen Aneignung nicht immer die Zeit war. Die Pandemie hat aber gezeigt, dass der Nutzen die notwendige Zeit definitiv überragen kann. Aber ist eine eigene Studio-App wirklich grundsätzlich sinnvoll? Gibt es Alternativen? Kann auch keine Studio-App der richtige Weg sein?

 

Die eigene App - nicht immer die beste Option

Angesprochen auf die eigene Studio-App werden viele Studioverantwortliche erst mal eine selbst konzipierte App im Kopf haben. Die Vorteile liegen auf der Hand, ich kann selbst bestimmen, wie die App aufgebaut sein soll und über welche Funktionen diese haben soll. Ich kann Design und weitere stilistische Elemente bestimmen und habe insgesamt eine große Hoheit darüber, was am Ende dabei rauskommt. Alles immer im Rahmen der Möglichkeiten, die technisch überhaupt umsetzbar sind. 

 

Eine eigene App zu entwickeln bzw., was eher die Regel sein dürfte, entwickeln zu lassen, ist allerdings keineswegs günstig. Unter 5.000 Euro wird man eher nicht aus der Sache herauskommen(X) und selbst dieser Betrag deckt nur die absoluten Basics ab. Denkt man an gerade aktuell enorm wichtige Anforderungen wie Reservierung von Trainings- / Kurszeiten in der App, integrierte Live-Streams oder auch die Kommunikation mit einem Trainer über die App, so kommt man hier schnell durch diese zusätzlichen Anforderungen zu deutlich höheren Beträgen. Darüber hinaus muss eine App auch regelmäßig geupdatet werden, um Fehler auszubessern und eventuell neue Anforderungen seitens der App Store Anbieter gerecht zu werden. Gerade für Einzel- und Mikrostudios wird eine eigene App daher durch ihre Kosten schnell unattraktiv.

White Label Apps als Alternative

Gerade mit Blick auf die Kosten sollte man sich über mögliche Alternativen Gedanken machen. Da viele Fitnessstudios logischerweise ähnliche Anforderungen an eine App haben, gibt es natürlich auch Softwareanbieter, die genau diese Anforderungen gebündelt haben und somit eine vorgefertigte Lösung bereitstellen. Dieses Angebot wird als White Label App bezeichnet. 

 

White Label Apps werden durch die Entwickler auf das Branding des beauftragenden Unternehmens angepasst, so dass es zum Gesamtdesign des abzubildenden Unternehmens passt. Je nach Entwickler können auch aus einem Angebot verschiedenen Optionen, die für das eigene Unternehmen relevanten Komponenten ausgewählt werden. Am Ende soll die App gegenüber dem Kunden so aussehen, dass für diesen nicht direkt ersichtlich ist, ob es sich um eine White Label App handelt.

 

Verständlicherweise ist diese Option im Vergleich zur eigenen App kostengünstiger, viele Anbieter bieten hier Abo-Modelle an, welche die Kosten entsprechend überschaubar gestalten. Auch Modelle mit lediglich einmaligen Kosten sind möglich, allerdings nicht wirklich optimal, da man hier für Updates und Wartungen wieder selbst verantwortlich ist und dementsprechend wieder zusätzliche Kosten auf Sie zukommen können. Während den Lockdowns hatte der eine oder andere Anbieter sogar eine kostenfreie Nutzung zur Testung angeboten. 

Andreas M. Bechler ist Autor, Berater, Dozent und Podcaster in der Fitnessbranche. Daneben ist Andreas Sprecher des Arbeitskreise Fitnessbranche des VSD - Verband für Sportökonomie und Sportmanagement e.V. Sie können mit Andreas über LinkedIn in Kontakt treten: https://www.linkedin.com/in/andreasmbechler/

Nachteile der White Label Apps

Natürlich sollte nicht ignoriert werden, dass auch diese Option gewisse Nachteile bietet. Das größte Problem ist dabei, dass Sie in Sachen Anforderungen an die App an die Möglichkeiten gebunden sind, die Ihnen der Entwickler derselben einräumt. Ist etwas bereits durch diesen programmiert und abgenommen, dann wird es auch allen Nutzern der White Label Lösung angeboten. Würden zu wenige Unternehmen eine bestimmte Sache nutzen, dann ist es für den White Label Entwickler auch keine wirtschaftliche Option, dies zu entwickeln und er wird dies unterlassen. Gute Anbieter werden Ihnen in der Regel zuhören und sich intensiv über Ihre Verbesserungsvorschläge Gedanken machen, aber wenn es dann verworfen wird, dann müssen Sie sich als Nutzer dieser Lösung damit abfinden. Die einzige Alternative ist ein zeit- und kostenintensiver Wechsel. 

 

Gar keine App ist auch eine Lösung?

Es erscheint fast wie eine Aussage aus einer anderen Zeit, aber tatsächlich kann auch keine App eine Lösung sein. Um dies zu ermitteln, ist insbesondere Ihre Zielgruppe entscheidend. Wirft man einen Blick auf die Statistik, so stellt man fest, dass die Nutzung von Apps mit zunehmendem Alter abnimmt. Insbesondere in der Gruppe der über 50-jährigen geben 72 Prozent an, dass sie nie Smartphone-Apps nutzen. Mit einer entsprechenden Zielgruppe scheint also die App-Nutzung nicht unbedingt der kundenorientierteste Weg zu sein. 

 

Auf Dauer betrachtet dürfte die App-Nutzung vermutlich in allen Zielgruppen ansteigen. Somit wird es auch für die älteren Zielgruppen zunehmend interessant. Ob man daher die Etablierung einer Studio-App noch etwas auf die lange Bank schieben möchte oder lieber frühzeitig umsteigen und direkt Erfahrungen sammeln, muss jeder Studioverantwortliche für sich selbst entscheiden. Auf kurz oder lang kommt aber sicherlich fast kein Studiokonzept daran vorbei. 

 

Tipps zur Etablierung einer App

Sie wissen nun um Ihre beiden Optionen, wenn Sie eine Studio-App in Ihrer Fitnessanlage umsetzen wollen. Natürlich steht Ihnen in der Etablierung immer noch ein ordentlicher Weg bevor. Damit dieser Weg auch zum Erfolg führt, möchte ich Ihnen nun noch einige Tipps mit auf dem Weg geben, was Sie in der Umsetzung einer App beachten sollten. 

 

1. Definieren Sie verfügbares Budget 

Ein entscheidender Faktor für eine App ist die Frage des möglichen Budgets. Ihre Zahlungsbereitschaft sollten Sie daher zu Beginn direkt festlegen. Dabei gilt es nicht nur die einmaligen Anfangsinvestitionen zu definieren, sondern auch festzulegen, welche dauerhaften Zahlungen Sie bereit sind zu tätigen. Wie bereits angesprochen, verursacht eine App nicht nur einmalige Kosten zur Entwicklung oder Bereitstellung, sondern immer sich laufende Kosten. 

 

2. Definieren Sie die notwendigen Anforderungen

Noch bevor Sie sich nach möglichen Partnern umsehen, sollten Sie Ihre eigenen Anforderungen an eine App festlegen. Was muss Ihre Studio-App leisten können? Was für Funktionen sollte Sie haben und welche Funktionen wären für Sie auch willkommen, aber nicht zwingend erforderlich? Die Zusammenstellung dieser Anforderungen nennt sich Lastenheft und wird Ihnen bei Ihrer Partnerauswahl helfen. 

 

3. Bei White Label Apps: Schauen Sie sich Testversionen an 

Ein Vorteil von White Label Apps ist, dass diese bereits fertiggestellt sind. Somit ist es auch möglich, sich entsprechende Testversionen vorab präsentieren zu lassen. Ein guter Anbieter wird auch kein Problem damit haben, Ihnen eine Demoversion zur Verfügung zu stellen, damit Sie damit etwas „spielen“ können und alle relevanten Dinge einmal selbst ausprobieren können. Falls Ihr gegenüber dies Ihnen nicht selbst aktiv anbietet, fragen Sie danach. Schließlich wollen Sie doch wissen, auf was Sie sich da einlassen. 

 

4. Fragen Sie unter Ihren Mitgliedern nach Testern

Ob Sie sich nun für die eigene Studio-App oder eine White Label Lösung entschieden haben, lassen Sie die Lösung vor dem Go Live auf jeden Fall auch durch die testen, die es später nutzen sollen: Ihre Mitglieder. Fragen Sie aktiv bei Ihren Mitgliedern nach Personen an, die diese App vorab ausprobieren möchten. 

 

Mit diesen Tipps steht der erfolgreichen Umsetzung einer App in Ihrem Studio hoffentlich nichts mehr entgegen. Machen Sie sich dabei aber immer eines klar, die App kann zwar Prozesse vereinfachen und die Servicequalität steigern, aber ein gute Betreuungsqualität ersetzt Sie sicherlich nicht. Eine gute Betreuung ist immer noch das A und O eines Fitnessstudios. Ohne eine gute Betreuung als Grundlage ist auch eine App nutzlos. 

 

Fazit

Studio-Apps werden sich auf kurz oder lang durchsetzen. Es mag zwar einzelne Konzepte geben, die tatsächlich vorerst darauf verzichten können, für die Mehrheit der Fitnessstudios führt aber kein Weg daran vorbei. Es muss aber nicht immer eine eigens programmierte App sein, die im Studio zum Einsatz kommt. Auch White Label Apps können eine kostengünstige Lösung für das eigene Fitnessstudio sein. Final ist es in erster Linie eine Frage der Anforderungen und des Budgets, was der richtige Weg für Sie ganz persönlich ist. 

 

 

Über Hashtag Fitnessindustrie

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Aktuelle Trends und Entwicklungen sind ebenso Teil des Podcasts wie grundsätzliche strategische Fragen aus dem Tagesgeschäft von Fitnessanbietern.

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