• 7 – 10 April 2022
  • Messegelände Köln

11. Januar 2022, von Natalia Karbasova

Games, Metaverse, Community: So sieht das Fitnessstudio 2030 aus

Die Pandemie hat in den fitness- und gesundheitsorientierten Branchen für einen Aufschwung gesorgt – nur nicht in den Fitnessstudios, die die meiste Zeit geschlossen hatten. Jetzt konkurrieren die Gyms mit Apps, Communitys und neuen Technologien. Vier Trends werden den Markt bis 2030 verändern.

Stiegen die Umsätze in der Fitnessbranche seit 2010 beständig an, gab es im Coronajahr 2020 einen dramatischen Einbruch. Die Umsätze sanken um rund ein Viertel in nur einem Jahr, gleichermaßen ging die Zahl der Mitglieder zurück. Kein Wunder, hatten die meisten Studios wegen der coronabedingten Wirtschaftseinschränkungen mehr als ein Jahr geschlossen. Doch nur, weil das Fitnessstudio geschlossen ist, vergeht den Deutschen nicht die Lust auf Sport. Im Gegenteil: Da andere Freizeitaktivitäten wie Konzert- und Restaurantbesuche nicht mehr möglich waren, wurden Sport und Bewegung allgemein sogar zum Renner. Zwei Drittel der Deutschen geben mittlerweile an, regelmäßig Sport zu treiben, 40 Prozent dabei reinen Fitnesssport.

 

Ganze Reihe von neuen Fitnessanwendungen

Als die Studios geschlossen waren, etablierten sich schnell digitale Helfer. In den USA etwa explodierte die Nachfrage nach Peloton-Bikes. Diese stationären Fahrräder für daheim sind mit einer Art virtuellem Fitnessstudio gekoppelt. Peloton zeichnet dazu Kurse in einem Studio in Manhattan in New York auf, von wo aus sie auf die Bikes beim Nutzer gestreamt werden. Wer keine Zeit hat, kann die Kurse nachträglich aus einer Mediathek abrufen. Trotz der hohen Kosten – ein Peloton-Bike kostet rund 2.000 Euro – war das beliebt. Pelotons Umsatz verdoppelte sich im Geschäftsjahr 2020/21 auf vier Milliarden Dollar. Der Aktienkurs stieg gegenüber dem Vor-Pandemie-Level um bis zu 400 Prozent. Seitdem fiel er zwar stark, liegt aber immer noch fast 50 Prozent höher.

Der Erfolg von Peloton steht dabei nur stellvertretend für eine ganze Reihe von neuen Fitnessanwendungen, die teilweise schon auf dem Markt und teilweise noch in den Startlöchern sind – angefangen von Fitnessspielen fürs Smartphone über interaktive Fitnessgeräte für daheim bis hin zu auf Blockchain basierenden Fitness-Apps wartet so einiges auf den baldigen Durchbruch. Dabei geht es inzwischen längst auch darum, länger gesund und länger am Leben zu bleiben. Die Coronakrise hat auch den Markt für Lösungen gegen das Altern wachsen lassen: Laut einer aktuellen Prognose der Bank of America sollen die Umsätze von 97 Milliarden Euro im vergangenen Jahr auf 542 Milliarden Euro im Jahr 2025 wachsen.

 

Das veränderte Gym-Spektrum 2030

Jedes Fitnessstudio wird in der Zukunft seinen eigenen Zweck definieren und Technologien und Konzepte entsprechend auswählen müssen. Das lässt sich am besten anhand von zwei Achsen verdeutlichen, auf denen sich alle Konzepte bewegen: Erstens einer Achse von rein auf körperliche Fitness bedachten Studios zu solchen, die die gesamte Gesundheit ihrer Nutzer in den Vordergrund stellen, und zweitens einer Achse von hoch- bis niedrigpreisigen Angeboten. So entsteht ein Koordinatensystem mit vier Feldern.

Im hochpreisigen Fitnessquadranten finden sich etwa Boutique-Studios. Die Idee ist, dass so eine kleine Community aus Enthusiasten entsteht. Hier finden sich auch „gymified home fitness“, also die Angebote fürs Hometraining, die von traditionellen Fitnessstudios gestaltet werden, wie etwa der Fitnessspiegel Mentra von SATS oder das Bike vom SoulCycle. Zu erwarten sind außerdem weitere Partnerschaften zwischen traditionellen Branchenvertretern und Tech Playern, die auf die ganzheitliche gesundheitliche Betreuung einzahlen, wie es bereits beispielsweise zwischen Barry‘s Bootcamp und dem SleepTech- Start-up EightSleep passiert.

Vier große Trends lassen sich ausmachen, die den Fitnessmarkt bis 2030 nachhaltig verändern werden. Für Betreiber von Fitnessstudios gilt daher, dass sie ihr Geschäftsmodell neu ausrichten müssen. Zunächst müssen sie die neuen Technologien bestmöglich, aber nicht wahllos integrieren. Wichtig ist, sich eine genaue Strategie zu überlegen, für welche Art von Gym man stehen möchte. Beispiele gibt es zuhauf.

 

1. Gamification: Kraftgaming statt Krafttraining

Ins Fitnessstudio gehen, die Hantel aufheben, zwei Sekunden halten, wieder absetzen, 15-mal wiederholen. Die Turnschuhe anziehen, in den winterlichen Morgennebel treten und durchs tristgraue Wohngebiet laufen – auf Dauer können herkömmliche Fitnessübungen sehr langweilig werden. 87 Prozent aller Nutzer der Fitness-App Freeletics gaben denn auch in einer Umfrage letztes Jahr an, dass sie sich mehr Spaß und Spannung für ihre Workouts wünschen würden. Als Reaktion darauf hat Freeletics mit „Staedium“ ein Produkt für Krafttraining daheim mit dem Schwerpunkt „Strength Gaming“ vorgestellt. Die Antwort darauf heißt Gamification: OliveX, eine Firma aus Hongkong, bietet etwa mit „Zombies, Run!“ eine Lauf-App an, die über die Kopfhörer eine postapokalyptische Welt simuliert, in der der Spieler vor Zombies wegrennen muss. Auf dem Weg sammelt er Gegenstände ein, die die Geschichte vorantreiben. Pokémon Go, eigentlich nicht als Fitness-App gedacht, sorgt dafür, dass Spieler Tausende Kilometer laufen, um seltene virtuelle Monster zu fangen.

 

Ansprache von Jung und Alt

Fitness als Spiel soll vor allem eine jüngere Generation ansprechen. Eine, die mit Livestreams auf Twitch statt Tatort in der ARD und League of Legends statt Fußballbundesliga groß geworden ist. Richtig eingesetzt, dürften Spiele aber gleichermaßen ältere Semester zu mehr Sport motivieren. Schließlich stirbt das Spielkind in einem Menschen nie. So zeigte eine Studie der Universität von Ontario aus Kanada, dass auch Senioren eher Sport treiben, wenn es Teil eines Spiels ist.

Gamification kann dabei auch innerhalb eines traditionellen Fitnessstudios gelingen. Das zeigt das Schweizer Startup Sphery mit seinem „Exercube“. Vorne und an den beiden Seiten ist der Trainierende dabei von 2,50 Meter hohen Leinwänden umgeben, auf die ein Spiel gestreamt wird. Um darin voranzukommen, ist voller Körpereinsatz erforderlich, etwa, indem bestimmte Stellen auf den Wänden berührt werden oder der Trainierende sich duckt, springt und läuft. Motion Tracker an den Handgelenken sorgen für die Erfassung.

 

2. Tokenization: Währungen in digitaler Parallelwelt

Nehmen wir einmal an, Ihr Kind würde sich gerne in seinem Videospiel einen seltenen Gegenstand kaufen wollen. Statt Geld würde das Spiel Ihnen aber anbieten, den Gegenstand auch in einer komplett anderen Fitness-App freizuschalten, indem Sie dort fünf Kilometer laufen. Würden Sie das Ihrem Kind zuliebe machen? Oder es selbst auf die (Jogging-) Reise schicken? Das ist kein abstraktes Beispiel: Nike hat mit „Nikeland“ zuletzt eine Plattform veröffentlicht, bei der Nutzer ihre Charaktere auf der Online- Spieleplattform Roblox mit NFT-Nike- Produkten ausstatten können.

So sieht die Idee eines Fitness-Metaverses aus. Gemeint ist damit eine Vernetzung zwischen Fitness- und Nicht-Fitnessanwendungen in einer digitalen Parallelwelt, die Experten als das Internet 3.0 bezeichnen. Funktionieren soll das hauptsächlich über sogenannte Non-fungible-tokens (NFT). Das sind digitale Dateien, die über die Blockchain als einzigartig zertifiziert werden und damit einen gewissen Wert besitzen können – ähnlich wie etwa die Bilder in einem Panini-Sammelalbum.

Der Clou: Mit solchen NFTs oder auch eigenen Kryptowährungen ließen sich die Grenzen zwischen verschiedenen Apps leicht überbrücken. Tokens, also Münzen einer Kryptowährung, könnten dann etwa erarbeitet werden und gleichzeitig zur Bezahlung neuer Schuhe, Hanteln oder anderen Equipments dienen. NFT-Avatare ließen sich aus einer Fitness-App auch in sozialen Medien einsetzen – oder im analogen Fitnessstudio. Für die Anbieter entstünde ein riesiger Markt: Die US-Basketball- Liga NBA bietet etwa Highlight- Clips seit einem Jahr als NFT-Videos an. Der Umsatz seitdem: mehr als 600 Millionen Dollar.

 

3. Ecosystemization: Den Nutzer gefangen nehmen

Digitale Ökosysteme sind seit der Erfindung des Smartphones bekannt. Auf einem iPhone laufen etwa nur Apps, die mit dem Betriebssystem iOS kompatibel sind, und nur andere Apple-Geräte lassen sich optimal an das Handy anbinden. Selbst der Ladestecker ist einzigartig. Für Anbieter ist es ein Vorteil, solche geschlossenen Ökosysteme zu bauen, denn einmal angelockt, bleiben Nutzer meist darin gefangen und bescheren einem Hersteller so höhere Umsätze. Ähnliches entwickelt sich auch auf dem Fitnessmarkt. Apple besitzt seit Dezember 2020 mit Fitness+ einen kostenpflichtigen Video-on-Demand-Dienst, bei dem Nutzer Videos von Trainern streamen können. Der Clou: Der Dienst ist eng mit der Apple Watch verzahnt – aber eben nur mit dieser Smartwatch.

Das Gegenbeispiel sind offene Ökosysteme. Android ist das wohl bekannteste darunter. Das Betriebssystem ist als Open-Source-Code konzipiert, jeder Hersteller kann es gegen eine Lizenzzahlung nutzen. Auch das lässt sich auf den Fitnessmarkt ummünzen. Diesen Weg hat beispielsweise das Berliner Start-up VAHA eingeschlagen, das einen Fitnessspiegel für das Training daheim entwickelt hat und zuletzt eine Kooperation mit dem Smartwatch-Hersteller Garmin verkündete.

Auch Fitnessstudios der Zukunft können und sollen sich über Partnerschaften eigene Ökosysteme aufbauen, um auf den wichtigsten Mehrwert für den Nutzer einzuzahlen, sei es Tracking von Liveworkouts, Regenerationstraining für zu Hause oder ein personalisiertes Ernährungsangebot. In Zukunft werden auf dem Fitnessmarkt beide Arten von Ökosystemen nebeneinander existieren. Das Wichtige: Jeder Anbieter wird sich entweder einem bestehenden System anschließen oder ein eigenes aufbauen. Kleine, unabhängige Fitnessstudios dürften auf diesem Markt nur geringe Überlebenschancen haben.

 

4. Hybridisierung: Analoges küsst Digitales

Peloton hat auf dem Massenmarkt den Anfang für eine Art der Fitness gesetzt, bei der digitale Inhalte – Kurse mit analogen Inhalten – mit dem stationären Bike verschmelzen. Das hat auch andere Homefitness-Start-ups beflügelt: Tonal, Hersteller von vernetzten Kraftgeräten, sammelte vergangenes Jahr 110 Millionen Dollar von Investoren ein, beim Rudergeräte- Hersteller Hydrow waren es letzten September 200 Millionen Dollar. Liteboxer, das „Peloton für Boxer“, bekam 20 Millionen Dollar, Clmbr 13,5 Millionen Dollar. Das Kletter-Start-up wird dabei unter anderem von Tennis-Superstar Novak Djokovic und den Musikern Jay-Z und Pitbull unterstützt. Diese Hybridisierung dürfte in Zukunft weitergehen – gerade im Homefitnessbereich. So hat die skandinavische Fitnesskette SATS mit Mentra zuletzt einen Spiegel auf den Markt gebracht, über den sich Fitnesskurse und Videos mit eigenen Übungen abspielen lassen. Alle Trends zusammen deuten in eine Richtung: Das Studio der Zukunft wird kein Ort mehr sein, an den man geht, sondern etwas sein, was man macht.

 

Der Artikel erschien zunächst in der bodyLIFE. https://www.bodylife.com/

 

Über die Autorin

Natalia Karbasova ist die Gründerin des FitTech Summit (www. fittechsummit.com), der führenden Konferenz in Europa rund um Fitnesstechnologie, die Zukunft von Wohlbefinden und einen aktiven Lebensstil. Bevor sie sich ganz auf den Fitness-Tech-Bereich konzentrierte, war sie neun Jahre lang bei Hubert Burda Media, einem der größten Medienunternehmen Europas, tätig.