20. September 2021

Sport verbindet. Oder?

Vielfalt, Chancengleichheit, Wertschätzung: Was steckt hinter dem Begriff Diversität im sportlichen Umfeld? Und wie kann mehr Diversität im Sport aussehen.

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Jeder Mensch hat einen anderen Körper mit ganz individuellen Bedürfnissen – klar! Auch Erfahrungen, gesellschaftliche Voraussetzungen und kulturelle Prägungen sind ganz persönlich. Und trotzdem ist es manchmal notwendig, bestimmte Normen festzulegen, in die Körper und Leistungen eingeteilt werden. Ganz besonders, wenn es um Vergleiche wie etwa im Sport geht. Wie ist es trotzdem möglich, Diversität im Sport zu leben und Körper- und Kulturvielfalt wertzuschätzen?

 

Diversität: Theorie versus Realität
Um diese Frage zu beantworten, muss zuerst klar sein, was Diversität eigentlich ist. Der Begriff beschreibt individuelle, soziale und strukturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Menschen und Gruppen. Diese umfassen Alter, ethnische Herkunft und Nationalität, Geschlecht und geschlechtliche Identität, körperliche und geistige Fähigkeiten, Religion und Weltanschauung, sexuelle Orientierung und soziale Herkunft. All diese Faktoren sollten keine negativen Auswirkungen auf die Möglichkeiten und Chancen von Personen in einer Gesellschaft haben. Das sieht in der Realität jedoch meist anders aus als in der Theorie.
 

Was Diskriminierung aufgrund dieser Faktoren bedeutet und wie dem entgegengewirkt werden kann, ist in Deutschland für die Arbeitswelt etwa in der Charta der Vielfalt festgelegt. Mithilfe von Diversity Management kann ganzheitlich gedacht und gehandelt sowie allen Menschen Wertschätzung sowie Chancengleichheit entgegengebracht werden.

 

Was bedeutet Diversity im Sport?
Im Umfeld des Sports kann Diversität verschiedene Ebenen betreffen: von fairer Bezahlung und Sponsoring über Wettbewerbsmöglichkeiten und -häufigkeit bis hin zu Kleidungsvorschriften. Letztere sorgten beispielsweise im Juli dieses Jahres für eine Sexismus-Debatte bei der Beachhandball-EM. Die Spielerinnen des norwegischen Teams trugen Radlerhosen anstatt der vorgeschriebenen Bikini-Slips und erhielten daraufhin eine Geldstrafe des europäischen Handballverbands EHF. Das Regelwerk, welches das Tragen der knappen Slips vorschreibt, zu ändern, wäre hingegen eine angemessene Maßnahme im Sinne der Diversität und gegen sexistische und veraltete Traditionen im Sport.

 

Keine oder weniger Chancen für Frauen
Auch gibt es immer noch Sportarten, die früher traditionell einem Geschlecht vorbehalten waren und
heute immer noch diskriminierende Bedingungen aufweisen. Bekanntere Beispiele sind etwa die Tour de France oder die Formel 1, wo Sponsoren für Frauensport kaum Geld ausgeben, und dadurch
Wettkämpfe in dem Ausmaß gar nicht möglich werden. Beim Tennis gibt es seit 1973
geschlechterunabhängige Gewinnprämien, beim Surfen erst seit 2018. Bei den Olympischen
Sommerspielen durften erst im Jahr 2012 alle Sportarten genauso von Frauen wie von Männern
ausgetragen werden – am hartnäckigsten hielt sich Boxen. Bei den Winterspielen allerdings warten
die Nordischen Kombiniererinnen weiterhin auf ihre eigenen Wettkämpfe.

 

Binäres Denken im Out
Eine Möglichkeit, um den Geschlechter-Gap zu überwinden, sind gemischte Teams, die in manchen
Sportarten möglich sind bzw. gemacht werden. Bei den Rückschlag-Sportarten Tennis, Tischtennis
und Badminton etwa werden Gemischte Doppel ausgetragen. Geschlechtlich gemischte Teams gibt
es zudem bei den Wassersportarten Segeln, Rudern und Kanufahren, aber auch etwa bei Curling,
Unihockey, Volleyball, Softball, Fußball und Ultimate-Frisbee.

Solange es sich um eine klare binäre Einteilung in Frauen und Männer handelt, sind gemischte oder
geschlechtlich getrennte Teams in manchen Sportarten also möglich. Die Geister (und Sportverbände) spalten sich allerdings meist dann, wenn es sich beispielsweise um Intersex- oder Transgender Personen handelt. Geschlechtsüberprüfungen und Disqualifizierungen von Athleten gehen damit einher – dabei könnte gerade der Sport, der auf vielen Ebenen eine verbindende Funktion einnimmt, hier vorziehen und Lösungen abseits dieses binären Denkens finden.

 

Niemand wird ausgeschlossen
Einige Initiativen haben sich genau das zur Aufgabe gemacht. Ein vielfältigeres Pendant zu Olympia
sind etwa die Gay Games. Die Sportwettkämpfe, die seit 1982 alle vier Jahre an verschiedenen
internationalen Orten ausgetragen werden, promoten Gleichberechtigung, Diversität und Inklusion
durch Sport und Kultur. Teilnehmen können Personen aller Altersklassen, aller Berufsgruppen,
professionell oder amateurhaft. Das Prinzip ist einfach: Niemand wird ausgeschlossen. Dasselbe Motto pflegen die EuroGames, ein jährlich stattfindendes, europäisches Sport-Festival, das 1992 in Anlehnung an die Gay Games entstand, und ebenfalls wechselnde Austragungsorte hat.
 

Die LGBTQIA+-Community ist in Sachen Sport also global sehr aktiv: Beispielsweise fördert der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) mit seinem Ressort „Chancengleichheit und Diversity“ die
Vielfalt im deutschen Leistungssport, die BundesNetzwerkTagung der queeren Sportvereine (BuNT)
tagt seit 2018 und vernetzt Vereine deutschlandweit. Auch im Kleinen gibt es Initiativen, die Vielfalt
leben, wie etwa der Berliner Sportverein „Seitenwechsel“ für FrauenLesbenTrans*Inter* und Mädchen.

 

Gut zu wissen: Anlaufstellen
Diskriminierung, vor allem systemische, sollte niemandem und aus keinem Grund widerfahren. Darum gibt es Anlaufstellen, die sich auf den Sportbereich spezialisiert haben. Das deutsche Netzwerk
„Sport&Politik“ in Frankfurt am Main tritt für Fairness, Respekt und Menschenwürde in sportlichen
Belangen ein und unterstützt Sportvereine, Initiativen und Projekte mit Sportbezug. Genauso vertritt
die Antidiskriminierungsstelle des Deutschen Bundes die Rechte und Interessen von diskriminierten
Personen in jeglichen Belangen.

 

https://gaygames.org 
https://gleichstellung.dosb.de/ueber-uns
https://www.lsb-sachsen-anhalt.de/2015/o.red.r/bunt2020.php?nav1=10&nav2=70
https://www.seitenwechsel-berlin.de/verein
https://www.sportundpolitik.de
https://www.antidiskriminierungsstelle.de/DE/startseite/startseite-node.html