26.  Juli 2021, von Maximilian Gaub

Fitnesstrend Exergaming: Motivation durch Spiel und Wettkampf

Welche Rolle kann der Mix aus Exercise und Gaming im Fitnessstudio der Zukunft haben? Ein Gespräch über Zielgruppen, Nutzungsverhalten – und die Kraft von Power Usern.  

© Icaros

Johannes Scholl ist einer der Gründer von „Icaros“. Das Unternehmen verbindet in seinen Produkten Training mit spielerischen Elementen. 

Scholl wollte etwas „für Leute entwickeln, die Geräte in klassischen Fitnesscentern langweilig finden”, sagte der Gründer von „Icaros“ vor ein paar Jahren der Wirtschaftswoche. Das Produkt, das sein Partner Michael Schmidt und er zuvor ersonnen hatten, verbindet dynamisches Planken mit einem VR-Erlebnis: Nutzer:innen liegen bäuchlings in einem Apparat, der sich in alle Richtungen balancieren lässt – und steuern mit ihren Muskeln unter anderem virtuelle Flüge oder Tauchfahrten. 

 

Jüngst erweiterte das Unternehmen seine Produktpalette um ein aufblasbares Fitnessgerät namens Cloud, das aussieht wie ein rundes Surfbrett mit Bäuchlein. Der Nutzungsgedanke bleibt: Per Balanceübungen steuern Trainierende Games oder allgemeine Sportstunden. Bislang standen die Geräte überwiegend in Gyms oder Hotels – auch, als die Macher 2018 erste Geräte für den Heimmarkt entwarfen. Nach einem Jahr Corona steht jedes zweite Gerät in einem Privathaushalt. “Wir wollen der Heimtrainer des 21. Jahrhundert sein”, sagt Johannes Scholl heute. 

Warum funktioniert der Mix aus Exercises und Games?

Scholl: In unserem Fall erstmal wegen des Menschheitstraums Fliegen. Wir schaffen ein Erlebnis, das es in der Realität nicht gibt. Zudem stellen wir fest: Duellieren macht Spaß, Wettkampf motiviert. Unabhängig von ihrem Treiber für Sport haben die Menschen Lust, sich zu überbieten. Die Folge ist Binge-Training bzw. -Gaming und der Gedanke “Beim nächsten Mal schaffe ich es besser”. Unserer Erfahrung nach liegt die ideale Länge einer Übung bei rund zwei Minuten – dann wiederholen die Nutzer sie deutlich öfter als sie glauben und fühlen. 

 

Wer nutzt typischerweise eure Produkte?

Scholl: Den klassischen „Icaros“ mit seinem futuristischen Design nutzen eher Männer, 30+ mit Freude an Design, Tech und Sport. Wir stellen dabei zwei Treiber fest: Die einen kommen aus dem Gaming – und wollen nun mehr Sport machen. Die anderen sind bereits Fitness-Fans und haben Interesse an dieser neuen Trainingsform für Koordination und Core-Stabilität.  Bei der Cloud verzeichnen wir 50 Prozent Frauen und Nutzer aus der ganzen Familie. Jeder verwendet die Cloud anders: Der Vater macht HIIT, die Mutter Yoga und die Kids reiten auf einem virtuellen Drachen.   

Early Exergamer: Johannes Scholl gründete 2015 das Mixed-Reality-Produkt ICAROS mit seinem Kollegen Michael Schmidt   © Icaros 

 

Balance- und Kraftakt: Icaros verbindet virtuelles Erlebnis mit dynamischen Core-Training @ Icaros

Welche Rolle können Exergames in Fitnessstudios einnehmen?

Scholl: Zum Beispiel als Teamsport-Magnet und somit auch als Kundenbinder. Viele trainieren in Gyms alleine, manchmal in Form von Kursen auch in Gruppen. Das Fitnessstudio ist sonst kein klassischer Ort für Teamsport. In unseren virtuellen Races können Trainierende auch gemeinsam und gegeneinander um die Wette fliegen. Dabei stellen wir fest, dass Top-Piloten weitere Nutzer anlocken. Wo immer es einen erfolgreichen Nutzer gibt, schließen sich drei bis vier neue an. Diese Rolemodels stecken mit ihrer Euphorie für das Produkt an. Sie sind Multiplikatoren – und das auch innerhalb von weltweiten Fitnessketten. Wir lassen auch die Piloten einzelner Gyms gegeneinander antreten. 

 

Diese Piloten fliegen in “Icarace” um die Wette, einer eigenen Liga rund um euer Kernprodukt und mit über 500 Piloten. Was bringt so ein Wettbewerb aus Business-Sicht?

Scholl: Wir interagieren so eng mit Kunden. Es bilden sich Cluster: Jeder „Icarace“-Nutzer ist ein Lead User – und die sind sehr viel wert. Sie ziehen neue Nutzer an, beherrschen unsere Geräte besser als wir selbst und generieren ein hochwertiges, weltweites Netzwerk. Daher ist „Icarace“ free to play. Diese Edel-Community wächst langsam, aber kontinuierlich. Und deren Mitglieder gehören für uns fast zur Familie. 

Bei den neueren Versionen eurer Geräte reicht oft ein Smartphone, um ein virtuelles Erlebnis herzustellen. Wie profitieren Gyms von dieser Entwicklung?

Scholl: Trainierende haben ihr User-Profil auf dem Handy, und das ist immer dabei. Das bedeutet: Ich starte mein Training daheim und setze es dort fort, wo ein anderes Icaros System steht. Das ist eine super Kundenbindung. Auf unserer Webseite oder in Social Media kann man sehen, in welchen Hotels und Gyms unsere Geräte stehen. Wenn ich als Fitnessstudio also ein, zwei Clouds anbiete, kann ich die Nutzer darüber ansprechen. Ich habe die Chance, sie zu triggern. Zum Beispiel durch eine Push-Nachricht: “Dein Rekord wurde gebrochen.” Solche Angebote erhöhen die Reichweite. Zudem hat die Verwendung der eigenen Hardware auch ganz praktische Vorteile: Der Studiobetreiber kann High-Tech Fitness anbieten, ohne teure und sensible elektronische Hardware anzuschaffen.

 

Wohin entwickelt sich der Markt für Exergaming? 

Scholl: Viele Leute haben im letzten Jahr aufgerüstet, haben sich Home Fitness-Geräte oder neue Apps zugelegt. Ich glaube: Um diese Menschen weiter oder wieder für das Gym zu begeistern, muss man mehr bieten als Hanteln und Kurse. Ein einzigartiges Fitness-Erlebnis, für das sich der Weg in das Studio in doppelter Hinsicht lohnt. Technologie ist dabei dann gut, wenn sie sich nicht aufdrängt, sondern das Training effektiver, unterhaltsamer oder nachhaltiger macht. Da wir alle datengetrieben leben, wird Digitalisierung, die ein Produkt um eine Erfahrung erweitert, zunehmend eine Selbstverständlichkeit werden. In 100 Jahren wird es noch klassischen Hantelsport geben. Aber sicherlich mit weiteren digitalen und technologischen Komponenten. 

Spiel mit den Muskeln: Bei der ICAROSCloud trifft Fitnesstraining auf (Smartphone-)Technologie  © Icaros 

 

Über die Serie FitTech Radar

Technologie greift vielarmig und zunehmend in die Welt von Fitness und Gesundheit ein. Welche Tech-Trends erwarten uns in den kommenden Monaten? In dieser monatlich erscheinenden Serie geben die Macher unseres Kooperationspartners FitTech Summits Ihnen Einblicke in die kommende Welt von Fitness- und Gesundheitstechnologien. 

Über den Autor Maximilian Gaub

Er ist Mitgründer und CCO des FitTech Summit mit Sitz in München. Die Konferenz- und Netzwerkplattform beschäftigt sich mit Fitness-Technologien und der Zukunft von Wohlbefinden und aktivem Lebensstil. “Wir verbinden und unterstützten die Marktteilnehmer – wir sind das Parship der FitTech-Welt”, sagt er.