4. Juli 2021, von Herman Rutgers

Das sind die größten Chancen und Risiken für die Fitnessbranche nach Corona – Teil 2: Anbieter

Der vertikale Absatzmarkt, die Digitalisierung und neue Kundentypen: Für Anbieter von Fitness-Equipment und Konzepten gibt es nach Corona viele Businesschancen, aber auch die Bedrohungen sind real.

© Shutterstock

Die Impfungen gegen Covid-19 schreiten voran und in vielen westlichen Ländern endet der Lockdown. Jetzt ist es an der Zeit zu analysieren: Welche Auswirkungen hat die Pandemie auf das Ökosystem unserer Branche? Wie können wir uns schnell erholen und der Fitnessbranche zum alten Boom verhelfen?

Diese Artikelreihe beschäftigt sich mit den größten Chancen und Bedrohungen für die Fitnessbranche im Jahr 2021 und darüber hinaus. Nach Teil 1, der sich mit der Betreiberseite auseinandergesetzt hat, wirft Teil 2 einen differenzierten Blick auf die Situation der Anbieter und gibt ihnen strategisch wertvolle Impulse für zukünftigen Erfolg in der Fitnessbranche.

 

Die Chancen für Anbieter:

1.      Digitalisierung

“Fitness anywhere / anytime” lautet das neue Mantra. Entsprechend werden Studiobetreiber auch nach Covid-19 Gesundheits- und Fitnessdienstleistungen außerhalb ihrer Räumlichkeiten online anbieten müssen. Das bietet Anbietern viele Möglichkeiten, denn nur die größten Studiobetreiber werden entsprechende Technologien und Services selbst entwickeln können. Die meisten Betreiber werden die Entwicklung entsprechender Angebote auslagern müssen und auf Drittanbieter angewiesen sein.

 

2.      Home Fitness

In der Vergangenheit sahen Studios Trainingsgeräte für Zuhause als Konkurrenz für ihre kommerziellen Einrichtungen. Allerdings haben Studien bewiesen, dass dies nicht der Fall ist. Tatsächlich sind Menschen, die ein Fitnessgerät besitzen und zu Hause trainieren, die treueren Studiomitglieder. Stimuliert wurde das jüngste exponentielle Wachstum von (vernetzten) Heimgeräten durch die Covid-19-Pandemie, denn die behördlich angeordneten Studioschließungen zwangen die Menschen dazu, Lösungen für ihr Training zu Hause oder im Freien zu finden.

 

3.      Innovation

Mitglieder erwarten von Studiobetreibern regelmäßig innovative Neuerungen und eine entsprechende Investitionsbereitschaft. Und zwar nicht nur auf die Ausstattung, sondern auf alle Studiobereiche bezogen. Besonders nach der Pandemie werden Studiobetreiber ihren Kunden zeigen müssen, dass sie ihre Einrichtungen in puncto Sicherheit und Spaß beim Training aufrüsten. Das bietet Anbietern und Lieferanten Chancen. Denn jetzt wird es für sie noch wichtiger, ihren Kunden – den Studiobetreibern – genau zuzuhören und ihnen bei Problemlösungen zu helfen.

 

4.      Neue Zielgruppen

In den meisten Ländern liegt die Durchdringung von Fitness bestenfalls noch bei zehn bis 12 Prozent und könnte verdoppelt werden, wenn sie das Niveau von Skandinavien oder den USA erreichen würde. Das bietet Fitnessanbietern die Möglichkeit, Studiobetreibern zu helfen, mit neuen Gerätetypen, Trainingsmethoden oder Marketingansätzen neue Kundentypen zu finden.

 

Zum Beispiel bietet die Erschließung des "Senioren"-Markts langfristig einen enormen Wert für Betreiber wie Anbieter. So stellen Babyboomer (60 bis 75 Jahre) allein 35 Prozent der Bevölkerung dar und haben ein zwölffach höheres Nettovermögen als Millenials. Es lohnt sich also, Produkte und Programme an die Bedürfnisse dieser Zielgruppe anzupassen.

 

5.      Finanzierung

Nach der Pandemie werden viele Studiobetreiber Cashflow-Probleme haben. Genau das bietet Lieferanten, die in der Lage sind, kreative Finanzierungslösungen anzubieten, spannende Möglichkeiten, ebendiesen Betreibern zu helfen. Das bedeutet, dass Lieferanten mit Zahlungsverzug oder Leasingkonstruktionen zusätzliche Gründe haben werden, neue Kunden zu erschließen.

 

6.      “Vertikaler Markt”

Viele Anbieter verlassen sich stark auf den traditionellen Studiomarkt, dabei ist das Ökosystem von Einrichtungen, in denen Fitness praktiziert wird, sehr viel größer. Ob Hotels, Freizeitzentren, Unternehmen, medizinische Einrichtungen, Militär, Polizei, Feuerwehr, Eigentumswohnungen: In all diesen Organisationen gibt es einen Bedarf an körperlicher Aktivität und Training, der wiederum bedeutet, dass all diese Organisationen Trainingsgeräte und andere Fitnessdienste benötigen. Zusammen stellen diese “anderen” Einrichtungssegmente eine potenzielle Kaufkraft dar, die an die des traditionellen Studiomarkts herankommt oder sie gar übertrifft.

 

Bedrohungen für Anbieter:

1.      Weniger Equipment

Die wachsende Bedeutung von Mikrogyms, der Trend zu Functional Training und Outdoor-Aktivitäten führt zu einem geringeren Bedarf an relativ teuren "traditionellen" Trainingsgeräten. Die Anbieter müssen auf diese Nachfrageverschiebung ebenso zu reagieren können, wie auf die wachsende Bedeutung von Homefitness, die andere Arten von Produkten erfordert.

 

2.      Finanzieller Druck

Aufgrund der behördlich angeordneten Schließungen blicken Betreiber auf längere Phasen mit Null oder reduzierten Einnahmen zurück, wodurch Geld für Investitionen fehlt. Und noch mehr. Es wird in einigen Fällen zu Zahlungsschwierigkeiten, möglicherweise sogar zu Insolvenzen kommen, wodurch Lieferanten mit uneinbringlichen Forderungen konfrontiert werden. Weiter könnten die finanziellen Schwierigkeiten der Studiobetreiber dazu führen, dass sie sich für minderwertige, kostengünstige Geräte entscheiden und Anbieter in einen Preiskampf geraten könnten.

 

3.      Big Tech

Apple hat seinen Video-on-Demand-Service Fitness+ gestartet, Amazon sein Wearable gelauncht und Google hat Fitbit gekauft. Die Technologie-Giganten FAMGA (= Facebook, Apple, Microsoft, Google, Amazon) sind in den Fitness-Sektor eingestiegen und haben ihn in den letzten anderthalb Jahren beschleunigt. Mit ihren Milliardeninvestitionen werden sie künftig nicht nur die Messlatte für die Qualität von Inhalten und Marketing höher legen. Sie werden auch die Erwartungen der zunehmend besser informierten Verbraucher nach oben verschieben.

 

4.      Langsamerer Aufschwung

Die EU-Wirtschaft schrumpfte 2020 insgesamt um 6,1 Prozent und für 2021 wird ein Wachstum von 4,2 Prozent prognostiziert. Die Europäische Zentral Bank (EZB) geht davon aus, dass die EU-Wirtschaft bis Mitte 2022 wieder das Niveau von vor der Pandemie erreichen wird. Zurzeit ist die Unsicherheit groß, auch wenn immer größere Impferfolge Anlass für vorsichtigen Optimismus geben. Als dieser Artikel verfasst wurde, begannen viele Länder gerade erst wieder, ihre Wirtschaft hochzufahren. Und die große Frage, die mit den Lockerungen aufkommt, lautet: Wie wird die zweite Hälfte von 2021? Ein Szenario wäre, dass die Club- bzw. Studiomitglieder nach dem zweiten Lockdown langsamer zurückkehren als erhofft… oder gar Schlimmeres.

 

5.      Eine weitere Pandemie

Auch wenn die Branche am liebsten keinen Gedanken daran verschwenden möchte: die Warnungen der Wissenschaftler vor einer weiteren Pandemie sind ernst zu nehmen. So könnte es zu einer Wiederholung mit einem anderen Virustyp oder einer Variante des Corona-Virus kommen.