25. Juli 2021, von Anna Angermeier

Warum die Fitnessbranche Wissenschaftler braucht – gerade jetzt

Die Fitnessbranche hat bei manchen Menschen auch 2021 noch ein Imageproblem – Muckibude statt Gesundheitsdienstleister. Die Wissenschaft hat eine Initiative gestartet, um das Training wissenschaftlich zu untermauern.  

Gerade jetzt, im Zeichen der Pandemie, muss die Fitnessbranche noch lauter werden und zeigen, was sie leisten kann. Denn die Bevölkerung weiß mehr denn je, wie wichtig ein gesunder Lebensstil, inklusive Sport und Bewegung, für das Immunsystem ist. Wer die Branche bei der Kommunikation unterstützen kann, ist die Wissenschaft.

 

Der „Deutsche Fitnesswissenschaftsrat“ besteht aus Wissenschaftler:innen von acht verschiedenen Universitäten und Hochschulen. Der Rat begleitet die Fitnessbranche mit Studien und Forschungsergebnissen rund ums Training. Der Wunsch nach mehr Prävention kann so zum wichtigen Treiber der Fitnessbranche in diesem Jahrzehnt werden.

 

Mit den folgenden Erkenntnissen aus der Wissenschaft, können Betreiber und Trainer potenzielle Kunden gezielt ansprechen und informieren.

 

Infekte kann man nicht verhindern, aber ihre Intensität

Professor Philipp Zimmer ist Leiter des Arbeitsbereichs „Leistung und Gesundheit (Sportmedizin)“ an der Technischen Universität Dortmund und Teil des Deutschen Fitnesswissenschaftsrats. Er erklärt den wissenschaftlichen Zusammenhang von Sport und Bewegung mit unserem Immunsystem.

 

Laut Zimmer ist das Immunsystem sehr komplex und die Immunfunktion kann nur sehr vereinfacht verstanden wer. Allerdings ist klar: Bei hoher Belastung lässt die Immunfunktion nach. Eine erhöhte Infekt-Wahrscheinlichkeit der oberen Atemwege nach einmalig hoher Belastung ist bewiesen. Das „Junge zieh dir was an, du erkältest dich sonst“ nach einer intensiven Trainingseinheit entspricht also der Wahrheit. Allerdings gibt Zimmer zu bedenken, dass die betrachteten Studien dazu eher alt und nicht besonders umfangreich sind. Einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Sport generell und der Infektanfälligkeit aufzuzeigen, ist also eher problematisch.

 

Mobilisation von Immunzellen durch Bewegung

Was im Gegenzug dazu wissenschaftlich klar belegt ist, ist die akute Mobilisation von Immunzellen durch Bewegung. Das heißt: Durch aktive körperliche Belastung werden die Zellen und auch die sogenannten Effektorzellen aktiviert. Das besondere an diesen Zellen: Sie können virusinfizierte Zellen und Tumorzellen erkennen und abtöten. Dieser Prozess wird durch akute Belastung direkt ausgelöst. Das heißt: Jede einzelne Belastung hat bereits einen positiven Effekt, zusätzlich zu den Langzeiteffekten.

 

Schützt Sport vor Atemwegsinfektionen?

Philipp Zimmer erklärt außerdem, dass laut Studien die Häufigkeit der Infektion durch die erhöhte Partizipation an Bewegungsmaßnahmen nicht beeinflusst wird. Sprich, es gibt keinerlei Evidenz, dass mit regelmäßiger Bewegung oder Training die Anzahl an Infekten verhindert werden kann. Allerdings sind die Symptome weniger schlimm: Bei erhöhter Partizipation an regelmäßiger körperlicher Aktivität und damit auch einem verbesserten Fitnesszustand fällt die Symptomstärke und der Schweregrad von Infektionen der oberen Atemwege wesentlich geringer aus.

 

 

Kraft- oder Ausdauertraining? Beides, denn „Fitness matters“

Auch Christine Joisten ist Teil des Fitnesswissenschaftsrats. Die Professorin der Sporthochschule Köln ist außerdem Vizepräsidentin des Deutschen Sportärztebund und geht in ihrem Fachvortrag auf die Wichtigkeit von Sport und Bewegung ein. Sie zitiert die Veröffentlichung „Physical Activity Recommendations during Covid-19“ von Patricia Polero und erklärt:

 

„Egal ob Ausdauer- oder Krafttraining: Entscheidend ist, dass man sich überhaupt bewegt. Hochintensives Intervalltraining bietet sich an, weil damit in kurzer Zeit viel erreicht wird und man nicht viel Platz benötigt.“

 

Auch die WHO (World Health Organisation) empfiehlt generell mindestens 150 Minuten moderate bis intensive aerobe Aktivität und zusätzlich mindestens zwei Mal pro Woche Aktivitäten zum Muskelaufbau. Eine Vorgabe, die sich im Corona-Lockdown nur sehr schwer umsetzen lässt. Deshalb empfahl die WHO in dieser Zeit: Bleibt zuhause, aber bleibt aktiv. Prof. Joisten berichtet aus der Praxis, dass dies allerdings vorranging denjenigen gelang, die bereits vor der Pandemie sehr aktiv waren. Sie stellt fest: „Corona hin oder her – wir haben vor allem ein generelles Umsetzungsproblem im Thema Sport und Gesundheit“.

 

 

Wie können wir das Image von Krafttraining positiver gestalten?

Wenn es um die wissenschaftliche Bedeutung von Ausdauer- und Krafttraining im Vergleich geht, gibt Professor Jürgen Giesing, Leiter des Instituts für Sportwissenschaft der Universität Landau, zu bedenken: „Wir haben hier eine ziemlich unausgeglichene Datenlage.“ Laut Giesing hat sich die Forschung in der Gesundheitsorientierung in der Vergangenheit immer mehr auf das Ausdauertraining gestürzt. Auch weil Krafttraining bis in die 1960er Jahre hinein als ungesund betrachtet wurde sowie als schädlich für andere Anpassungsprozesse. Sprintern und Boxern wurde beispielsweise gesagt, sie dürfen kein Krafttraining machen, weil sie dadurch langsamer würden. Beim Thema Krafttraining für Kinder, Jugendliche und Senioren wird die Datenlage noch dünner. So halten sich manche Vorurteile bis heute, zum Beispiel, dass Krafttraining für Jugendliche unter 16 Jahren gefährlich ist. Diese Aussage sei wissenschaftlich durchaus überholt.

 

Die WHO hat der Fitnessbranche den Ball auf den Elfmeterpunkt gelegt. Jetzt gilt es ihn zu versenken.

Die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation ist klar: Kraft- und Ausdauertraining für alle! Laut Giesing gilt es nun sich von dem Klischee der Muckibude zu verabschieden: „Fitnessstudios müssen besser dafür sorgen, dass systematisches Training viel stärker unter seinem gesundheitlichen Aspekt kommuniziert wird.“ Natürlich sei Spazierengehen mit dem Hund oder Gartenarbeit auch Bewegung, aber diese Art von Bewegung darf nicht den gleichen gesundheitlichen Stellenwert haben, wie systematisches Training, bei dem der Körper gezielt zu Anpassungsreaktionen bewegt wird. Seiner Einschätzung nach wird darauf noch viel zu wenig hingewiesen.

 

Professor Henning Wackerhage von der Technischen Universität in München ergänzt einen entscheidenden Aspekt – vor allem in Bezug auf die Covid-19 Krise: „Gegen viele Altersabbauprozesse des menschlichen Körpers kann man wenig tun. Aber Muskeln auch im Alter aufrecht zu erhalten – das ist machbar.“  Gerade auch diese Argumentation gilt es im Zusammenhang mit dem Neustart nach Covid-19 für die Fitnessstudios zu nutzen.

 

 

Über den Fitnesswissenschaftsrat

Der Deutsche Fitnesswissenschaftsrat wurde von Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen von acht verschiedenen Universitäten und Hochschulen gegründet. Die Mitglieder kommen aus dem Bereich der Sportwissenschaft, der Medizin, der Ernährungswissenschaft, der Biologie und der Psychologie. Der Rat will als Forschungsverbund Studien im Bereich Fitness betreiben und Empfehlungen aus der Wissenschaft für die Praxis generieren. Damit bietet er eine direkte Hilfestellung, in dem er noch mehr wissenschaftliche Erkenntnisse für die Fitnessbranche in die Fitnessstudios bringt.

„Fitness in Zeiten von Covid-19“ war das erste digitale Symposium des Rats im Januar 2021, bei dem Forschungsergebnisse zu den Themen Corona, Training und Immunsystem ausgetauscht wurden. Die wichtigsten Erkenntnisse haben wir hier zusammengefasst.